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Startup-Crowdinvesting: Meine Überlegungen zu UTRY.ME bei Seedmatch

Im vorigen Jahr hatte ich begonnen, mich mit Startup-Crowdinvesting über Seedmatch* und Econeers* zu beschäftigen. Ich hatte mir vorgenommen, ein paar Investments jeweils mit dem Mindestbetrag auszuprobieren.

Bisher habe ich in drei Projekte investiert. Das letzte war im Dezember 2021. Inzwischen gab es etliche Angebote, aber die meisten sind von vornherein bei mir durchgefallen, entweder weil mich das Thema nicht interessiert oder weil ich nicht an den Erfolg glaube.

Nun habe ich UTRY.ME etwas genauer betrachtet, weil ich das Projekt recht interessant fand.

Zwei Warnungen gleich am Anfang

Diese Form der Geldanlage ist sehr riskant. Der Anteil der Totalverluste ist erfahrungsgemäß hoch, denn es handelt sich immer um ein nachrangiges Darlehen, das man der Firma gibt. Als Ausgleich für das hohe Risiko wird neben einer festgelegten geringen Basisverzinsung eine Beteiligung am Gewinn bzw. am Profit beim Exit entsprechend einer Investmentquote versprochen. Es gab zwar bereits Projekte mit sehr hoher Rendite, aber so etwas ist selten.

Damit komme ich auch gleich zur zweiten Warnung, und zwar vor mir selbst. Ich gebe hier einfach nur meine persönlichen und unprofessionellen Gedanken wieder. Ich erhebe auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit und ich kann mich auch irren.

Meine Überlegungen zu UTRY.ME

Nun also zum eigentlichen Inhalt des heutigen Artikels. Ich gehe bei der Betrachtung wieder in meinen üblichen drei Schritten vor:

  1. Die Idee
  2. Produkttest, wenn möglich
  3. Die Zahlen

Schritt 1: Die Idee

UTRY.ME ist eine Probierplattform für Produkte, vor allem Lebensmittel und Drogerieartikel. Sie verschicken Probierboxen mit Produkten verschiedener Hersteller, die sich registrierte Nutzer (Kunden) über ihre Plattform aussuchen können. Für solch ein Paket zahlt ein Nutzer 24,90 € und kann „einpacken“, ohne auf Preise zu achten. Es gibt dafür laut Plattform-Webseite einen „sehr hohen Warenwert“.

Die Firmen (Partner) stellen diese Produkte bereit und bekommen dafür Feedback (Analysen) bzw. Werbung. Sie stellen die Produkte für die Boxen kostenlos zur Verfügung und zahlen auch den Transport zum Hauptlager von UTRY.ME. Ansonsten ist der Service in der Grundversion für sie kostenlos, sie können aber auch Premium-Partner werden und ausführlichere Marketing-Analysen buchen.

UTRY.ME verdient Geld durch zwei Geschäftsfelder: B2C (Business-to-Consumer) und B2B (Business-to-Business). Im B2C-Bereich verkaufen sie die Probierboxen an Kunden und im B2B-Bereich die Marketing-Dienstleistungen in Form von Analysen, die sie erstellen, indem sie Feedback von den Kunden zu den Produkten einholen.

Das Geschäftsmodell verstehe ich im Grunde genommen und es ist bestimmt eine recht lukrative Idee. Immerhin gibt es UTRY.ME schon seit ein paar Jahren und sie haben laut eigener Aussage bereits Partnerschaften mit über 500 namhaften Firmen und rund 200.000 registrierte Kunden. Sie haben im letzten Jahr auch schon einen beachtlichen Umsatz von rund 2 Mio. € erreicht. Das klingt nicht schlecht.

Zunächst einmal sah es für mich so gut aus, dass ich meine üblichen drei Fragen („Kann ich mit der Idee etwas anfangen? Ist die Zielgruppe groß genug? Traue ich den Personen die Sache zu?“) alle mit ja beantworten konnte.

Schritt 2: Produkttest

Die allgemeinen Fragen, die ich in diesem Schritt stelle, lauten: Ist das Produkt wirklich so gut? Wird es bereits jetzt gut vermarktet?

Ich selbst kann nur die B2C-Seite testen, also UTRY.ME aus Kundensicht. So habe ich mich zunächst gefragt:

Wie sieht das für mich als Kunden aus? Lohnt sich das Bestellen solch einer Box?

Die Webseite sieht fröhlich bunt aus. Es sind ein paar wenige Beispiel-Produkte abgebildet. Darunter ist eine lange und imposante Liste von beteiligten Marken.

Welche Produkte ich momentan wirklich bekommen kann, sehe ich jedoch nicht. Dazu muss ich mich registrieren. Bei der Registrierung werde ich gezwungen, sofort meine Anschrift und mein Geburtsdatum einzugeben. So etwas mag ich persönlich gar nicht, denn ich möchte doch zunächst nur mal schauen, ob das für mich lohnen könnte.

Also habe ich mir eine Wegwerf-Mail-Adresse erzeugt und Namen, Postanschrift und Geburtsdatum ausgedacht. Wer weiß, wie viele Leute das auch so machen, um zuerst nur mal zu gucken. Da stellt sich mir also die Frage, was die Zahl von rund 200.000 registrierten Nutzern wirklich aussagt. Aber auf meine Nachfrage hin antwortete UTRY.ME, dass sie offensichtliche Fake-Accounts bereinigen.

Mein Fake-Account besteht nun immer noch – seit etwa einer Woche – und ich habe mich damit an mehreren Tagen eingeloggt und jeweils das Angebot betrachtet. Es sind immer etwa 90 bis 100 Produkte, die angeboten werden. Einiges wechselt recht schnell.

Es sind meinem Eindruck nach ungesunde Lebensmittel, darunter viel – bestimmt sehr leckerer – Süßkram, aber auch hochpreisigere Dinge, wie Lippenstift, und Artikel wie Hühneraugenpflaster und diverse Getränke. Ich habe mal ein paar Preise recherchiert und ausprobiert, für welchen Betrag insgesamt ich Dinge auswählen kann, bis der Balken voll ist. So viel kann man nämlich in die Box packen. Statt Preise aufzuaddieren wird dort ein Balken verlängert.

Screenshot von der Produktauswahl bei utry.me
Quelle: utry.me

Ich bin zum Ergebnis gekommen, dass man Produkte für insgesamt etwa 35 € aussuchen kann. Dafür zahlt man 24,90 €, also knapp 25 €. So kommt man auf einen „Warenwert“, der etwa 40 % über dem bezahlten Preis liegt. Das deckt sich auch mit der Aussage, die André Moll, einer der Gründer von UTRY.ME, im Interview (siehe Blog) gegenüber Seedmatch getroffen hat. Er spricht von 40 bis 50 Prozent. Ich würde sagen, eher 40 %.

Ich bestelle mir jedenfalls keine solche Box, denn das sind fast alles Dinge, die mich nicht ansprechen. Außer natürlich den diversen Süßigkeiten. Aber so etwas bestelle ich schon aus Prinzip nicht in solcher Menge, denn dieser Versuchung will ich mich erst gar nicht aussetzen.

Ich sehe mich selbst aber nicht als Maßstab für alle Kunden an, eher im Gegenteil. Ich halte das Konzept von UTRY.ME auch für besser als eine Überraschungsbox, wie andere sie anbieten, denn hier bekommt man wirklich nur die Sachen, die man selbst ausgesucht hat.

Auch wenn ich nicht dazu gehöre, glaube ich schon, dass diese Boxen weiterhin etliche Abnehmer finden werden.

Zur anderen Seite des Geschäfts, dem B2B-Teil kann ich nichts testen. Zum einen ist da der Effekt, dass die Leute die Produkte, die ihnen beim Test gut gefallen haben, später (wiederholt) kaufen werden. Das halte ich für realistisch. Wie das zum anderen mit den bezahlten Analysen für die Partner aussieht, kann ich nicht einschätzen.

Ist das Produkt wirklich so gut? Wird es bereits jetzt gut vermarktet? Das waren meine grundlegenden Fragen vom Anfang. Darauf würde ich ganz vorsichtig ja sagen.

Schritt 3: Zahlen

In diesem Schritt schaue ich mir ein paar Zahlen genauer an, um die Zukunftsfähigkeit dieses Geschäftes und meine Renditechancen abzuschätzen.

Zunächst habe ich im Dialog-Bereich des Angebots ein paar praktische Fragen gestellt und auch beantwortet bekommen. Natürlich habe ich mir auch die Fragen von anderen Interessenten und die Antworten darauf durchgelesen.

Meine wichtigsten daraus gewonnenen Erkenntnisse und weitere, aus dem Betrachten der Geschäftszahlen im geschützten Bereich, sind:

Den größten Teil des Umsatzes erwirtschaften sie bisher mit dem Verkauf der Boxen. Sie rechnen damit, dass sich dieses Verhältnis innerhalb der nächsten fünf Jahre so verschiebt, dass fast die Hälfte des Umsatzes durch die Premium-Leistungen (Analysen) für die Partner generiert werden soll.

Der Versand eines Paketes kostet derzeit im Schnitt rund 8 € mit allem Drum und Dran (Verpackung, Versand, Maut usw.). 2021 wurden etwa 75.000 Pakete zu je 24,90 € verschickt. Obwohl daraus bisher der Hauptanteil des Geschäftes besteht, kommt unterm Strich ein Verlust heraus. Ich bin nun kein Branchenkenner, aber irgendwie scheinen mir die Kosten, die insgesamt abgehen, wie z. B. Personalkosten, Werbekosten, Reisekosten, recht hoch zu sein.

Sie haben laut eigener Angabe 15 Mitarbeiter. Auf Nachfrage hin, was die alle so machen, weil ich die Personalkosten nachvollziehen wollte, kam die Antwort: Das ist das Büroteam. Die machen Partnerbetreuung, Softwareentwicklung, Marketing, IT, Marktforschung und Backoffice. Dazu kommt noch ein gleichgroßes Lagerteam, oft in Teilzeit. Also haben sie bis zu 30 Mitarbeiter. Das finde ich schon recht viel, allerdings nur rein vom Gefühl her.

Weitere noch höhere Verluste sind für die nächsten Jahre geplant. Erst ab 2025 soll es ins Plus gehen. Es sieht für mich insgesamt so aus, dass es hier in erster Linie um Wachstum geht, egal was es kostet. Trotzdem ist dann das, was als Schätzungen nach ein paar weiteren Jahren angegeben ist, nicht so hoch, dass es mich vor Begeisterung umhauen würde. Genaue Zahlen darf ich hier nicht wiedergeben.

Ich habe aus Spaß mal die Tabellen mit den Zahlen für meine drei bisherigen Investments danebengelegt. So richtig vergleichen kann man das eigentlich nicht, denn es sind ja völlig andere Branchen. Wobei ich aber bemerkenswert finde, dass bei den anderen viel schneller Gewinn herauskommen soll, obwohl die alle selbst etwas Physisches herstellen, was an sich schon mehr kostet.

Vielleicht sind die von UTRY.ME einfach nur sehr pessimistisch in ihren Schätzungen. Sie sagen selbst im Dialogbereich auf eine Frage von jemandem, warum relativ wenig Rendite herauskommt, dass sie sehr vorsichtig schätzen würden.

In dem öffentlich zugänglichen Rendite-Rechner, der meistens mit den Schätzungen des Unternehmens vorbelegt ist, wird nur gezeigt, was beim Kündigungs- und beim Exit-Szenario herauskommen würde.

Mich interessiert jedoch, was an laufenden Bonuszinsen herauskommen könnte. So etwas gibt es allerdings nur, wenn positiver Gewinn entsteht.

Für mich fühlt sich das in diesem Fall nicht gut an. Präziser kann ich es nicht fassen und konkrete Zahlen aus dem geschützten Bereich darf ich nicht einfach so wiedergeben.

Was für alle zugänglich ist, ist das VIB (Vermögensanlagen-Informationsblatt). Dort ist zu entnehmen, dass ein Investment von 250 € einer Investmentquote von 0,00268817 Prozent bzw. mit Early Bird Bonus innerhalb der ersten sieben Tage 0,00305556 Prozent beträgt. So würde vom Jahresüberschuss, wenn es dann endlich einen gibt, auch nicht mehr herauskommen als „üblich“.

Mein Fazit

Ich werde NICHT in dieses Unternehmen investieren.

Wenn ich alle bisherigen Überlegungen außen vor lasse und damit außerhalb aller wirtschaftlichen  und Rendite-Aspekte über dieses Projekt nachdenke, muss ich ehrlich zugeben, dass es eine ganz schöne Ressourcenverschwendung ist.

Ich denke, dass da viel Zeug sinnlos durch die Gegend geschickt wird, nur damit die Firma, die Schokoriegel A herstellt, besser dasteht als diejenige mit Schokoriegel B.

Ich glaube auch nicht wirklich, dass diejenigen, die die Boxen bestellen, dadurch irgendeinen echten Mehrwert bekommen.

Das war’s von mir dazu. Vergiss nicht: Das hier ist keine Anlageberatung, sondern nur meine Meinung. Bilde dir selbst eine Meinung über die auf Seedmatch* und Econeers* angebotenen Projekte.

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