Ich bin mein schlimmster Feind

Das ist etwas, das ich von James Montier aus seinem Buch „Der Schlüssel zu Ihrem Anlage-Erfolg“ gelernt habe. Es geht darin um Behavioral Investing, also Psychologie beim Investieren. Ich musste während der Lektüre dieses wertvollen und außerdem sehr unterhaltsamen Buches ab und zu schmunzeln, weil ich die dort beschriebenen Verhaltensweisen zum Teil auch bei mir wiederfinde. Kurz und gut, mir hat dieses Buch sehr gefallen, deshalb will ich heute darüber schreiben.

Der Autor beschreibt es recht anschaulich, dass man sich sein Verhalten aus zwei Systemen bestehend vorstellen kann, die durch zwei der Hauptfiguren von Raumschiff Enterprise verkörpert werden. Dabei steht Dr. McCoy für das emotionale und Spock für das logische, also rationale System. Schon in der Einleitung beschreibt James Montier anhand eines sehr schönen Beispiels, dass doch leider oft die Emotionalität die Oberhand gewinnt, selbst wenn es völig unsinnig ist: „Wenn wir uns den Zeh an einem Stein oder den Kopf an einem Balken stoßen, beschimpfen wir diesen leblosen Gegenstand.“

Wir Investoren behaupten ja immer, an der Börse eher ein Spock zu sein als ein McCoy. Aber es ist meistens nicht so. James Montier beschreibt in seinem Buch typische Phänomene und untermalt das Ganze mit sehr interessanten Beispielen. Ein paar Gedanken aus diesem Buch, die mir besonders gut gefallen haben, will ich hier mal mit eigenen Worten wiedergeben.

Wenn man noch nicht in einer bestimmten brenzligen Situation ist, weiß man nicht vorher, wie man sich verhalten wird. Es ist z.B. viel schwieriger, einen Kursrutsch einer Aktie zu ertragen, als man vorher, beim Kauf der Aktie, gedacht hätte. Möglicherweise hat man sich beim Kauf gedacht: „Naja, die Aktie war nicht billig, aber wenn sie fällt anstatt zu steigen, kaufe ich nach.“ Es ist dann aber mental schwierig, es auch zu tun, besonders wenn man noch auf die vielen Unkenrufe rund herum hört. Als Lösungsansatz ist hier die „Macht der Festlegung im Voraus“ angeführt. Das heißt, dass man alles im Vorfeld genau überlegt und plant, also wenn man eher im Spock-Zustand als im McCoy-Zustand ist. Je genauer die Festlegungen sind, desto besser. Ich habe mir angewöhnt, solche Überlegungen schriftlich festzulegen und mich dann auch möglichst daran zu halten. Trotzdem ertappe ich mich doch ab und zu selbst bei Ausreden, warum ich mein Vorhaben nun doch nicht genauso umsetzen könnte.

Übertriebener Optimismus ist auch so eine Falle, die mich auch schon einmal erwischt hat. Ich fand ein Investment richtig gut und wollte die Schattenseiten einfach nicht sehen. Es ging dabei um eine Anleihe, die wertlos wurde. Ich hätte wenigstens noch einen Teil retten können, habe aber „alles oder nichts“ gespielt und verloren. Ist im Endeffekt nicht dramatisch, da andere Investments die Scharte wieder ausgewetzt haben. Aber ein wenig ärgerlich fand ich es schon, denn wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, hätte ich dabei besser abschneiden können.

Eine weitere Falle, die in dem Buch auch recht gut beschrieben ist, ist die Tatsache, dass die Verarbeitung von sehr vielen Informationen zur Entscheidungsfindung ab einer bestimmten Menge keinen zusätzlichen Nutzen mehr bringt. Damit ist gemeint, dass das Ergebnis durch Berücksichtigung von mehr Informationen nicht besser wird. Es wird dadurch nur der Effekt erzielt, dass man sich bei seiner Entscheidung sicherer fühlt, denn man hat ja schließlich ganz viel „Wissen“ in diese eingehen lassen. Als Parallele in meinem eigenen Verhalten habe ich erkannt, dass ich auch dazu neige, eher mehr Informationen zusammenzutragen als weniger, um meine Entscheidung, die ich, wenn ich ehrlich bin, schon längst getroffen habe, zu untermauern, einfach weil es mir ein besseres Gefühl gibt. Wenn man diesen Effekt noch mit dem vorher erwähnten übertriebenen Optimismus kombiniert, kommt noch hinzu, dass man unterbewusst alles Positive, auf das man stößt, überbewertet.

Als nützliches Mittel gegen diese Effekte bringt es mir etwas, Vereinfachungen für mich zu finden. So mache ich mir selbst möglichst genaue Vorgaben für die auszuwertenden Kriterien, z.B. immer gleich gestaltete Datenblätter. Das hilft dem Spock, die Oberhand zu gewinnen. In diesem Zusammenhang habe ich auch schon etliche Vorschläge der Art „Wäre es nicht besser, hier noch dies und jenes zu differenzieren…“ in meinem Levermann-Experiment abgelehnt. Ich denke, das ist ein Faktor, warum es bisher recht gut läuft, weil ich genaue Festlegungen treffe, zu denen ich mich zumindest für einen gewissen Zeitraum verpflichte, und das System dann wirklich in Ruhe lasse. Aber ich will jetzt nicht weiter in ein anderes Thema abschweifen.

Ein Phänomen, das mir aufgrund eines beschriebenen kleinen Spiels besonders gut in Erinnerung geblieben ist, ist jenes, dass wir Wahrscheinlichkeiten meistens falsch einschätzen. Das Beispiel, um das es dabei ging, ist folgendes:

Stellen wir uns vor, wir haben zwei Gefäße. In jedem dieser Gefäße befinden sich blaue und rote Kugeln. In dem einen sind siebzig Prozent der Kugeln blau und dreißig Prozent der Kugeln rot. Im anderen Gefäß ist es genau umgekehrt, also siebzig Prozent rote und dreißig Prozent blaue Kugeln. Die Gesamtanzahl der Kugeln in jedem der Gefäße ist unendlich, naja, das geht in unserer Realität nicht, also sagen wir, sehr, sehr groß, und zwar so groß, dass die Wahrscheinlichkeit, aus dem ersten Gefäß eine blaue Kugel zu ziehen, wenn man nicht hinsieht, immer siebzig Prozent ist usw.

Nun stellen wir uns folgende Situation vor: Wir haben zufällig aus einem der beiden Gefäße zwölf Kugeln gezogen, ohne zu wissen, aus welchem der beiden Gefäße. Das Ergebnis ist nun, dass wir acht blaue und vier rote Kugeln gezogen haben. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit dafür, dass wir die Kugeln aus dem Gefäß mit den überwiegend blauen Kugeln gezogen haben?

Die meisten Leute antworten auf diese Frage mit irgendetwas, das in der Nähe von siebzig Prozent liegt. So würde man es auf den ersten Blick vermuten. Die Auflösung steht natürlich in dem Buch: Es sind etwa 97%. Ich konnte gar nicht weiterlesen, bevor ich das nicht bewiesen oder widerlegt hatte. Und was soll ich sagen: Es stimmt!

Also mein Fazit: Ein sehr lesenswertes Buch, untermalt mit vielen Beschreibungen interessanter Versuche und Studien zur Behavioral Finance im weiteren Sinne. Daraus kann man eine Menge lernen. Deshalb kann ich es also nur empfehlen, was ich mit dem folgenden Affiliate-Link tue.

Es gehört zu den Büchern, die ich in meinem Regal behalte, denn ich will auf jeden Fall noch einmal darin lesen.

Die öffentlichen Depot-Stände vom 27.01.2017
Levermann-Experiment: +46,8% mehr
Graham-wikifolio: -0,9% mehr

Titelbild dieses Artikels: Markus Vogelbacher / pixelio.de

6 Gedanken zu “Ich bin mein schlimmster Feind

  1. Anonymous 28. Januar 2017 / 10:59

    Liebe Petra Wolf,
    Du bist nicht deine schlimmster Feind, -und Meiner so wie so nicht-, sondern Du bist zu mindestens 70% der Spock und zu höchstens 30% der McCoy.

    Woher weis ich Das ?
    Du bist erfolgreich an der Börse. Um erfolgreich zu sein, genügt es, zu mindestens 55% die Kursrichtung einer Aktie richtig vorher zu sagen, und bei diesen 55% größere Gewinne einzufahren, als Verluste bei den anderen 45% der Vorhersagen.

    Ich habe mit meiner Börsensoftware mal den Erfolg eines guten und bekannten Wertpapieranalysten gemessen, und mit meinem Erfolg verglichen. Dabei habe ich nur die richtige Richtung bewertet, und nicht das vorgegebene Kursziel (wichtig).
    Der Analyst hatte eine Trefferquote von 67% und meine Trefferquote lag bei 71%.
    Dabei hatte der Analyst ein Team von einer Handvoll Leute hinter sich, die ganztägig Börsendaten untersuchten und auch Chefetagen besuchten. Ich hatte nur meine tägliche Kursdatenbank und meine wöchentliche Anlegerzeitschrift.

    Leider weis ich nicht, welche Gewinne der Analyst eingefahren hat, weil er nur anfängliche Stoppkurse genannt, keine späteren Verkaufsempfehlungen gegeben hat. Fakt ist, dass er und ich in weniger als 50% der Gewinnpositionen, -also die Verlustpositionen sind schon vorher rausgefallen-, die erwarteten Kursziele erreicht haben.

    Ich arbeite mit nachgezogenen Stoppkursen, die nicht nur stur im gleich Abstand zu Höchstkursen nachgezogen werden, sondern auch in Seitwärtsphasen steigen, um eine vorgegebene Rendite einzuhalten.
    Es mag sein, dass es manchmal der McCoy in mir ist, der mich ein Wertpapier verkaufen lässt, das schon gut gelaufen ist, aber in dem ich doch mehr Risiko eines Rückschlags sehe, als die Change eines lukrativen Kursanstiegs. Es mag aber auch der Spock in mir sein, der das Geld lieber in ein anderes Papier investieren möchte, dessen Change besser und dessen Risiko geringer ist.

    Du hast nur ein Beispiel angeführt, wo der McCoy in Dir einen Verlust beschert hat, es gibt aber sicherlich auch Ereignisse, wo der McCoy in Dir dich vor größeren Schäden bewahrt hat.
    Ich möchte den McCoy in mir nicht ganz abschalten, aber ich möchte dem McCoy in mir nur auf der vorsichtigen Seite nutzen, nicht auf den risikobereiten McCoy hören.

    Der McCoy ist kein schlechter Berater, er hat mich gerade gestern ein Papier (HU8SJA) mit 21,5% Gewinn (nach Spesen) verkaufen lassen, das ich erst vorgestern mit Gewinnchange von über 100% in 7 Wochen gekauft hatte. Der McCoy in mir meinte aber, dass nach diesem Anstieg auch das Risiko eines Rückschlags wächst, und der Spock wusste, dass dieses Papier nicht jeden Tag um 21,5% steigen kann.
    Im Einvernehmen mit beiden inneren Beratern werde ich den Gewinn (497,30€) sichern, und den Anfangsbetrag wieder in ein ähnliches Papier mit weniger Risiko und geringerer Gewinnerwartung investieren.

    Mogli

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    • Petra Wolff 28. Januar 2017 / 22:53

      Hallo Mogli,

      alles richtig, was Du sagst. Ich finde, Hauptsache ist, man ist ehrlich zu sich selbst. Fehler passieren jedem, und daraus kann man nur lernen. Was die Analysten angeht, befinden die sich in folgendem Dilemma: Wenn einer mit seiner Einschätzung im Gegensatz zu seinen Kollegen steht, und das geht schief, zeigen dann alle mit dem Finger auf ihn, und seine Fähigkeiten werden in Frage gestellt. Stimmt er in seiner Meinung mit den anderen überein, und es geht schief, ist es nicht so schlimm, denn die anderen waren auch nicht besser. Ist er aber der einzige, der richtig liegt, macht er sich in seiner Szene total unbeliebt. Der vierte Fall fehlt noch: Stimmt er mit den anderen überein, und alle haben recht, können die sich gegenseitig auf die Schulter klopfen und schön ihre Provisionen verfeiern. Deshalb ist man hier als Privatanleger eher im Vorteil. Denn man kann denken, was man will, und ist auch nciht gezwungen, das anderen mitzuteilen. Man sollte nur eben ehrlich zu sich selbst sein, wie ich anfangs schon erwähnte.

      Gruß Petra

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    • Petra Wolff 31. Januar 2017 / 10:37

      Vielen Dank für den Tipp, Marwin. Habe mal kurz reinglesen und ja, das kommt auf meine Bücherliste!

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  2. Maria 31. Januar 2017 / 14:40

    Petra, vielen Dank für den Tipp und Deine Reflexionen darüber! Das Buch hört sich sehr interessant an und ich werde es jetzt lesen. Liege im Moment im Bett wegen einem Sturz in der Skipiste, so ich habe Zeit zum lesen und nachdenken…

    Ich finde auch das Thema hochinteressant und möchte auch ein Buch empfehlen, „Thinking, fast and slow“ von Daniel Kahnemann . Vielleicht hast Du es schon gelesen. Er hat die zwei Denkweise weniger fantasievoll System 1 und System 2 genannt. Das Buch bietet auch viele faszinierende Einsichten.

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    • Petra Wolff 31. Januar 2017 / 15:39

      Hallo Maria,
      die Begriffe der beiden Systeme von Kahnemann sind mir geläufig. das Buch habe ich allerdings nicht gelesen.
      Gute Besserung und viel Spaß beim Lesen.

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