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Synthetische (Swap-basierte) ETFs leicht verständlich erklärt – „Normalsprech“ statt Fachchinesisch

Stell dir vor, du bestellst dir etwas Leckeres zu Essen bei einem Lieferservice und dir läuft schon das Wasser im Mund zusammen als der Bote an der Tür klingelt. Dann kommt die Überraschung:

Er hat etwas ganz anderes mitgebracht als das, was du bestellt hast. Der Grund dafür: Die Zutaten für deine Bestellung sind schwerer zu beschaffen als die Zutaten für das, was du nun in die Hand gedrückt bekommst. .  

So hat der Koch einfach entschieden, etwas völlig anderes zuzubereiten, das so ziemlich den gleichen Nährwert hat und genauso gesund oder ungesund ist wie das, das du bestellt hast. Dafür übernimmt der Küchenchef sogar die Garantie auf einer beiliegenden Urkunde. Der Preis ist auch der gleiche.

So in etwa funktionieren synthetische (Swap-basierte) ETFs. Nur statt einer Mahlzeit geht es hier um einen Aktienindex. Huch, was soll das jetzt?

Nun etwas sachlicher. Das hier ist kein Artikel, der auf ETFs einprügeln möchte, im Gegenteil. Es ist der Versuch, Finanz-Fachchinesisch in „Normalsprech“ zu übersetzen.

Inhalt               

Einfache Geldanlage durch ETFs

ETFs sind als einfache Form der vernünftigen Geldanlage gedacht und für fast jeden geeignet. Darum sollte alles, was damit zusammenhängt, auch leicht verständlich erklärbar sein.

Das obige sehr plakative Beispiel passt nur auf eine bestimmte Art von ETFs und ist, wie immer, wenn ich bildliche Vergleiche ziehe, etwas übertrieben. Dazu komme ich noch. Doch zunächst das Grundprinzip.

Das ETF-Prinzip: Kauf einen ganzen Index

ETF steht für Exchange Traded Fund. Das heißt auf Deutsch börsengehandelter Fonds und sagt nichts weiter aus, als dass man dieses Wertpapier an der Börse kaufen und verkaufen kann.

Das Entscheidende an einem ETF jedoch ist immer ein Index, der ihm zugrunde liegt. Ein Index ist ein (theoretischer) Korb voller Wertpapiere, z. B. Aktien. Das bekannteste Beispiel in Deutschland ist der DAX (Deutscher Aktienindex), der aus den 30 bedeutendsten deutschen Aktien besteht. In den USA der Dow Jones, der S&P500 usw.

Es gibt aber auch Indizes, also Aktienkörbe, in denen Aktien größerer Regionen stecken, wie z. B. der EUROSTOXX für Europa oder der MSCI World für die großen Unternehmen der Industriestaaten auf der ganzen Welt. Letzterer enthält insgesamt über 1.600 Aktien.

Solche Indizes, also Körbe, lassen sich statt über Regionen auch über bestimmte Branchen bilden. Und nicht nur bestehend aus Aktien, sondern auch aus anderen Wertpapierarten, wie z. B. Anleihen. Bleiben wir jedoch bei den Aktien.

Wer Aktien eines Unternehmens kauft, kauft sich damit ein Stückchen dieser Firma, wird also Miteigentümer. Stell dir vor, du schaust auf fast alle Dinge, die dir im täglichen Leben begegnen, die du selbst konsumierst oder – was noch besser ist – die du andere konsumieren siehst, mit dem Gedanken: „Jepp, das stellt meine Firma her! Ein Teil des Gewinns daran gehört mir.“

ETFs sind nun eine großartige Möglichkeit, sich an ganz vielen Unternehmen auf einmal zu beteiligen, ohne die Aktien alle einzeln kaufen zu müssen. Das geht bereits mit relativ wenig Geld und wenig Aufwand.

So etwas ging zwar auch schon, bevor sich die ETFs etabliert haben, und zwar über ganz klassische, aktiv gemanagte Investment Fonds. Das Schöne an den ETFs ist jedoch, dass deren Kosten viel geringer sind.

Das geht deshalb, weil sie sich äußerst günstig managen lassen. Hier braucht niemand komplizierte Aktienanalysen durchzuführen, um dann zu entscheiden, welche Aktien durch den Fonds gekauft werden.

Es wird einfach nach der Vorgabe des Index gehandelt. Deshalb nennt man ETFs auch passive oder passiv gemanagte Fonds. So etwas kann ein dressierter Affe machen, oder besser – da disziplinierter – ein entsprechend programmierter Computer.

Die Anbieter solcher ETFs ermöglichen diese einfache Form der Geldanlage natürlich nicht aus purer Menschenliebe, sondern verdienen daran. Aber sie haben selbst nicht so hohe Kosten, und deshalb wird es auch für die Nutzer günstiger. Eine Win-Win-Situation.

Replikationsmethode – wichtigste Eigenschaft des ETFs

Außer dem Index, der nachempfunden wird, gibt es weitere Unterscheidungsmerkmale für die ETFs. Das wichtigste ist die Art und Weise, wie der Index nachgebildet wird. Der Fachbegriff dafür ist Replikationsart oder Replikationsmethode. Dafür gibt es drei Möglichkeiten:

  • Vollständig bzw. physisch
  • Sampling bzw. optimiert
  • Synthetisch bzw. Swap-basiert

Vollständige bzw. physische Replikation

Die im Index enthaltenen Aktien werden durch den ETF alle wirklich gekauft, und zwar genau in der anteiligen Zusammensetzung, wie sie im Index sind. Daran braucht nur selten etwas geändert zu werden, und zwar nur dann, wenn sich etwas am Index ändert. Das ist relativ leicht zu verstehen.

Optimierte Replikation (Sampling)

Das ist etwas, das bei sehr großen Indizes, wie z. B. beim MSCI World, der über 1.600 Aktien umfasst, oftmals praktiziert wird. Dabei werden nicht alle im Index enthaltenen Aktien, sondern nur die wichtigsten gekauft. Also diejenigen, deren Preisänderung überhaupt eine merkbare Änderung des Index bewirkt. Aktien, die zum Beispiel nur minimale Bruchteile am Index ausmachen, kosten beim Kauf trotzdem Transaktionsgebühren. Diese Gebühren bewirken mitunter stärkere Abweichungen vom Index als würde man die Käufe ganz unterlassen. Das ist auch noch recht einfach zu verstehen.

Synthetische (Swap-basierte) ETFs

Nun wird es meistens etwas komplizierter, aber das liegt nur daran, dass es bisher kaum eine verständliche Facherklärung dafür gibt. Meistens liest man etwas in der Art:

Swap heißt Tauschen. Das was getauscht wird, sind Zahlungsströme zwischen dem ETF-Anbieter und einem sogenannten Swap-Kontrahenten, der die Performance des Index gewährleistet. „Ja nee, is klar! Danke für’s Gespräch!“ Das denken sicher die meisten, die so etwas lesen.

Ich versuche es stattdessen ganz platt zu erklären. Der ETF-Anbieter, also die Fondsgesellschaft sagt sich:

„Och nö, ist mir viel zu kompliziert, genau die Aktien aus dem Index, den ich nachbilden soll, zu kaufen. Ich kaufe einfach irgendwelche anderen Aktien oder Wertpapiere, die sich so ähnlich entwickeln. Das ist für mich viel einfacher.  Anstatt z. B. die Aktien aus aller Welt zu kaufen, um den MSCI World nachzubilden, kaufe ich lauter deutsche Aktien. Da hab ich schon mal eine Menge Zeit und Kosten gespart.

Dann suche ich mir jemanden, der mit mir tauscht. Derjenige bekommt von mir alles gutgeschrieben, was meine Wertpapiere erwirtschaften: Kurssteigerung und Dividendenzahlungen. Ich bekomme dafür von ihm im Gegenzug das, was ein Depot aus den richtigen Aktien, die ich eigentlich hätte kaufen müssen, liefert.“

Der ETF-Anbieter zahlt dafür dem Tauschpartner – der wird Swap-Kontrahent genannt – eine Gebühr. Bei einem Swap-Kontrahenten handelt es sich um eine Investment Bank.

Das ist das, was mit dem Austausch von Zahlungsströmen gemeint ist. In Wirklichkeit wird aber durch den Swap-Kontrahenten, also die Investment Bank, nur die Differenz ausgeglichen, sofern das nötig ist. Das ist wie eine Art Versicherung, deren Prämie ist die Gebühr, die der Swap-Kontrahent vom ETF-Anbieter bekommt.

Diese Differenz darf nicht mehr als 10% Abweichung vom Wert des wirklich gekauften Portfolios ausmachen. So bleibt selbst bei der Pleite des Swap-Kontrahenten der Großteil der Anlage gesichert. In der Realität beträgt dieser Anteil meistens weniger als 10% und wird oftmals noch durch hinterlegte Sicherheiten, z. B. Staatsanleihen, abgedeckt.

Hinzu kommt dann aber noch, dass es sich beim Swap-Kontrahenten nicht wirklich um einen Gegner handelt, wie der Begriff vermuten lässt. Denn in den meisten Fällen ist der Swap-Kontrahent die Muttergesellschaft des ETF-Anbieters.

Also stecken die unter einer Decke und wurschteln sich diese nach Belieben zurecht.

Letzten Endes geht es dabei darum, unterm Strich noch mehr Kosten zu sparen, wodurch der ETF den Wertverlauf des zugrundeliegenden Index genauer abbildet.

Von der Performance des ETFs aus gesehen ist das in Ordnung. Aber ich finde, alle Anleger*innen sollten wissen, auf was sie sich da einlassen und selbst entscheiden, ob sie so etwas möchten.  

Letzten Endes ist es, wenn du einen Swap-basierten ETF kaufst, in etwa so wie in der Geschichte mit der Essenslieferung vom Anfang. Nur dass du meistens gar nicht merkst, das du etwas anderes geliefert bekommen hast.

Wer wissen möchte, welche Wertpapiere in seinem synthetischen (Swap-basierten) ETF wirklich gekauft werden, sieht das nicht auf einen Blick im Fact Sheet oder in der Übersicht zum ETF auf einem Finanzportal.

Dazu muss man schon den Jahresbericht der Fondsgesellschaft zu Rate ziehen. Allerdings werden ETF-Investor*innen das so gut wie nie tun, denn sie möchten die Geldanlage doch möglichst ohne viel Aufwand gestalten.

Ich selbst investiere zwar in der Hauptsache in Einzelaktien, aber habe dennoch ein paar ETFs. Allerdings lehne ich synthetische (Swap-basierte) ETFs ab. Mir ist dieses Konstrukt einfach suspekt.

Der Wermutstropfen der physischen ETFs: Wertpapierleihe

Ich möchte allerdings die synthetischen ETFs nicht verteufeln, während ich die vollständig oder optimiert replizierenden ETFs in den Himmel hebe, denn auch darin werden „Nebengeschäfte“ gemacht.

Damit meine ich die Wertpapierleihe. Was ist das? Ganz einfach: Die Fondsgesellschaften verleihen die Aktien aus den ETFs gegen Gebühr jeweils für einen begrenzten Zeitraum an Leerverkäufer.

Leerverkäufer spekulieren damit auf fallende Kurse. Dazu leihen sie sich eine Aktie. Die verkaufen sie, um sie dann später, wenn deren Preis gefallen ist, an der Börse zurückzukaufen und dem Verleiher, also dem ETF-Betreiber zurückzugeben. Die Differenz zwischen Verkaufs- und Kaufpreis abzüglich der Gebühr für die Wertpapierleihe ist dann deren Gewinn.

Für den ETF-Betreiber sind die Gebühren aus dem Verleih-Geschäft zusätzliche Einnahmen, die ganz oder z. T. auf die ETF-Performance aufgeschlagen werden.

Die Wertpapierleihe bedeutet natürlich ein zusätzliches Risiko. Allerdings wird dieses begrenzt, indem beim Verleihen Sicherheiten verlangt werden.

In welchem Umfang in den einzelnen ETFs eine Wertpapierleihe betrieben wird, unterscheidet sich von Anbieter zu Anbieter. Wer das nicht möchte, darf nur ETFs solcher Anbieter kaufen, die keine Wertpapierleihe betreiben.

Ich persönlich habe nichts gegen die Wertpapierleihe. Ich finde sie plausibel, was ich über das Gemauschel in den Swap-basierten ETFs nicht sagen kann. Da ich mir zum Grundsatz gemacht habe, nur in Dinge zu investieren, die ich verstehe, ziehe ich vollständig replizierende ETFs also vor.

Disclaimer

Das hier ist wie immer keine Anlageberatung, sondern meine persönliche Meinung und meine oftmals vereinfachte Darstellungsweise.

2 Antworten auf „Synthetische (Swap-basierte) ETFs leicht verständlich erklärt – „Normalsprech“ statt Fachchinesisch“

Danke Petra,

das hast du schoen erklaert.

Ich schaetze es, dass du dich neugierig, tief und gruendlich in die Materie einarbeitest, obwohl nach den ersten fruehen, traumatischen Erfahrungen du den ETFs (voruebergehend, jetzt auftauend) die kalte Schulter zeigst 😉

„Replikationsmethode – wichtigste Eigenschaft des ETFs“???

Wirklich die wichtigste? Ich finde am wichtigsten ist die Rendite-Lieferung an mich!

Wenn zB MSCI ACWI draufsteht, will ich diese Rendite vom Index mit moeglichst geringer TrackingDifference bzw am besten noch etwas besser als der Index!
Da es aber kompliziert und teuer ist, SmallCap und EmergingMarket Werte in die Fonds zu kaufen, arbeiten ALLE physischen Replizierer (auch Vanguard All World) mit Sampling.
Das geht meistens gut, aber in bestimmten Marktphasen nicht, dann traegt man als Anleger das Risiko einer (etwas) groesseren TrackingDifference.
Deshalb sind Swapper fuer schwierige, komplizierte, teure Mischungen fuer mich OK.

[vgl. Andreas Beck, *globalportfolio-one.com, 2021-Erfolgreich-wissenschaftlich-investieren, S.34 „so gibt es überdurchschnittlich viele Marktphasen, in denen kleine Unternehmen gegen über großen Unternehmen eine Überrendite (Faktor-Prämie) erzielen. Breitdiversifizierte ETFs bevorzugen bei ihrer Investition in der Regel aber die großen Unternehmen ihres zugrunde liegenden Index. Das bedeutet, in Phasen ohne Faktor-Prämie ist der Tracking Error niedrig, der ETF scheint optimal den Index abzubilden. Aber in Phasen mit Faktor-Prämie, also dann, wenn es für die Investoren besonders interessant wäre, ist der Tracking Error plötzlich hoch aufgrund der Konzentration des ETFs auf die großen Unternehmen des Index.“]

Lies mal das Beck-Paper ganz (unabhaengig von ETFs), interessiert dich bestimmt!

LG Joerg

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Ja, für mich ist die Replikationsmethode wichtiger als die Tracking Difference.
Danke für deinen Lektürevorschlag, aber das Paper interessiert mich nicht. Statt es zu lesen kümmere ich mich lieber um produktivere und interessantere Dinge.

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