Börsen-Crashs sind normal – lerne jetzt, damit umzugehen (mit Video)

Paul ist Mitte vierzig. Er hat Job und Familie. Sie haben ihr Auskommen und einen durchschnittlichen Lebensstandard. Nun kommt Paul zu einer schönen Summe Geldes, auf einen Schlag. Er erbt. Es reicht zwar nicht, um sich fortan in die Hängematte zu legen, ist aber ein schönes Polster. Nach ein paar Wünschen, die er sich und seiner Familie davon erfüllt, sind noch stolze 100.000 EUR übrig.

Das Video

Paul beschließt, dieses Geld anzulegen zur Aufbesserung der Altersvorsorge.

Also macht er sich schlau. Bankberater und Versicherungsmakler sind ihm suspekt. Er will die Sache selbst in die Hand nehmen. Zum Glück stößt er im Internet auf unabhängige Finanzblogs und Youtube-Kanäle zum Thema Geldanlage. Er liest einiges, schaut einiges an und hat einen guten Überblick darüber, was möglich ist.

Am interessantesten erscheint ihm die passive Geldanlage mittels breit gestreuter Exchange Traded Funds, kurz ETF. Er braucht sich weder die Mühe zu machen, einzelne Aktien auszuwählen, noch viel darum zu kümmern und wirft auch niemandem unverhältnismäßig viel Provision in den Rachen.

Dann liest er noch das Buch „Souverän investieren mit Indexfonds & ETFs“* von Gerd Kommer. Darin ist ausführlich beschrieben, wie man bei der Zusammenstellung seines Portfolios vorgehen kann und wie man das richtige Risiko für sich wählt, indem man zur Abmilderung der Schwankungen zu den Aktien-ETFs noch Anleihen-ETFs hinzunimmt.

Da Paul sein Geld für mindestens zwanzig Jahre anlegen und eine möglichst hohe Rendite herausbekommen möchte, verzichtet er auf den risikolosen Teil und entscheidet sich für die einfachste Lösung, und zwar nur einen ETF auf den MSCI World Index zu kaufen und zu halten.

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Im Schnitt sollen dabei jährlich ungefähr 7 % Rendite herauskommen.

Nicht schlecht, denkt sich Paul, 7 % von 100.000 EUR sind schon 7.000 EUR. Davon könnte so mancher bereits ein halbes Jahr lang leben. Aber das Geld würde drin bleiben.

Im zweiten Jahr kämen dann 107.000 x 0,07 = 7.490 EUR dazu. Insgesamt wären es dann schon 114.490 EUR.

Im dritten Jahr läge die Rendite schon bei 8.014,30 EUR. Begeistert legt Paul den Taschenrechner zur Seite und wirft Excel an, um die Zahlen für die nächsten zwanzig Jahre untereinander zu sehen:

Wow, nicht schlecht, fast 387.000 EUR!

Wertentwicklung bei 7 Prozent

Dass es nicht jedes Jahr genau diese 7 % gibt, sondern dass das Ganze schwanken wird, sogar dass es auch mal nach unten gehen kann, weiß Paul natürlich.

Vielleicht werden es auch nur durchschnittlich 6 % jährlich.

Was käme in dem Fall eigentlich nach zwanzig Jahren heraus? Schnell die Berechnung in Excel geändert, und auch das sieht noch gut aus – über 320.000 EUR.

Wertentwicklung bei 6 Prozent

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Soviel zur Theorie, nun geht’s an die praktische Umsetzung.

ETFs auf den MSCI World gibt es eine ganze Reihe. Aber kein Problem, denn Paul weiß, was er sucht und wo er es finden wird. Gute Portale zur ETF-Auswahl sind justETF und extraETF.

Zunächst einmal soll der ETF schon lange existieren und bereits ein großes Anlagevolumen haben, denn dann wird er sicher nicht geschlossen, wenn es mal nicht so gut läuft, Außerdem sollen die Aktien wirklich gekauft werden, der ETF soll also physisch replizierend sein. Synthetischen Swap-basierten ETFs gegenüber ist Paul skeptisch, denn die bilden die Wertentwicklung des Index durch für ihn unverständliche Geschäfte mittels Derivaten nach. Wenn er darüber nachdenkt, bekommt er Bauchschmerzen.

Nachdem er also seine Suchkriterien in eines der ETF-Portale eingegeben hat, bleiben nur drei geeignete ETFs übrig, zwei von iShares und einer von UBS:

  • iShares Core MSCI World UCITS ETF (ISIN: IE00B4L5Y983)
  • iShares MSCI World UCITS ETF (ISIN: IE00B0M62Q58)
  • UBS ETF – MSCI World UCITS ETF (ISIN: LU0340285161)

Der erste ist thesaurierend, legt also die Dividenden automatisch wieder an, die anderen beiden sind ausschüttend. Das heißt, Paul würde dafür regelmäßige Auszahlungen erhalten. Wenn er dieses Geld auch wieder anlegen wollte, müsste er das immer wieder selbst veranlassen. Machte er das nicht, wüchse sein Vermögen eben weniger. Außerdem gingen von den Ausschüttungen evtl. noch Kapitalertragsteuern ab. Also entscheidet sich Paul für die bequemere Variante – den thesaurierenden ETF

Bis hierhin hat es einige Monate gedauert.

Weihnachten und Neujahr sind vorbei, aber gleich am ersten Börsentag, also am 2. Januar 2020, kauft Paul die ETF-Anteile wie geplant. Ein Depot bei einem Direktbroker hat er bis dahin schon eröffnet. So machen die Gebühren bei seiner Ordergröße von 100.000 EUR gerade einmal 0,06 % aus.

Depotvergleich
Depotrechner
*

Er bekommt bei einem Preis von 56,72 EUR pro Anteil 1.763 Stück und hat damit seine gesamten 100.000 EUR investiert. Das sagt sich so leicht, aber Paul kommt dabei mächtig ins Schwitzen, denn als Neuling mal eben eine sechsstellige Summe zu investieren, ist ein mentaler Kraftakt, auch wenn es technisch mit ein paar Klicks zu erledigen ist.

Nach drei Wochen sieht Paul in seinem Depot, dass seine ETF-Anteile schon rund 102.780 EUR wert sind. Nicht schlecht, denkt er, 2.780 EUR Zuwachs in so kurzer Zeit. Es geht sogar noch weiter nach oben. Im Februar sieht er sogar einen Stand von über 106.400 EUR. Das macht Spaß!

Dann kommt der 9. März 2020, ein Montag.

„Schwarzer Montag“ heißt es in den Medien. Ein Kursrutsch an einem Tag wie seit dem 11. September 2001 nicht mehr. Der Corona-Virus grassiert schon seit ein paar Wochen und der Öl-Preis sinkt. Die allgemeine Stimmung am Markt: „Au weia, au weia, das wird nie, nie, nie wieder besser!“

Da mag man schon gar nicht mehr hinschauen.

Doch Paul schaut hin, in sein Depot: Der Preis eines ETF-Anteils ist auf 47,20 EUR gefallen. Damit ist der Wert seiner Investition auf etwa 83.213 EUR zusammengeschrumpft. Daneben prangt ein dickes Minus von 16.787 EUR. Ein Kleinwagen, der mal eben wegfährt! Wer weiß, vielleicht wird es ja noch schlimmer.

So fühlt es sich in dem Moment für Paul an. Dass seine vorher angestellte Beispielrechnung nicht der Wirklichkeit entspräche und die Wertentwicklungskurve den einen oder anderen Zacken bekäme, hat er zwar vorher gewusst, aber in diesem Moment spürt er es hautnah.

Wie geht es weiter?

Behält Paul die Nerven und rührt das Depot nicht an oder hält er schon jetzt den Schmerz nicht aus, rettet was zu retten ist und kauft vielleicht doch lieber ein schickes Auto?

Genau genommen ist Paul niemand Bestimmtes. Er oder sie kann auch ganz anders heißen, älter oder jünger sein. Es muss auch nicht um 100.000 EUR gehen, und die müssen auch nicht geerbt sein. Das Geld muss auch nicht in genau diesen einen ETF investiert worden sein, auch nicht alles auf einmal am 2. Januar 2020.

Was will ich mit meiner kleinen Geschichte verdeutlichen?

Wir haben hier eine Anlagestrategie, die laut seriösen Untersuchungen langfristig gesehen eine schöne positive Rendite bringt. Diese Rendite kann von den meisten Menschen auf lange Sicht nicht übertroffen werden, zumindest nicht mit vergleichbaren Mitteln, wie etwa Einzelaktien anstelle von ETFs. Auch dazu gibt es wissenschaftliche Studien.

Das ist aber für jemanden, der zum ersten Mal eine große Summe investiert hat und sieht, wie der Wert der Investition drastisch sinkt, kaum zu erfassen. In dem Moment, in dem ihm klar wird, dass da gerade ein Klein- oder Mittelklassewagen vom Hof gefahren ist, ist es für ihn fast unvorstellbar, dass dafür später eine Luxuskarosse zurückkommen wird.

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Die Sache muss nicht gleich so blöd laufen wie bei meinem Beispiel-Paul.

Spielen wir ein wenig mit der Story herum. Nehmen wir an, Paul hätte das Geld schon etwas eher zur Verfügung gehabt, und bereits genau ein Jahr vor dem schlimmen „schwarzen Montag“ investiert, also Anfang März 2019, genauer gesagt am 11.03.2019, denn der 09.03. war ein Samstag.

Bleiben wir beim gleichen thesaurierenden ETF auf den MSCI World. Zu der Zeit kostete ein Anteil 48,64 EUR. Für seine 100.000 EUR hätte Paul dann sogar 2.056 Anteile kaufen können. Diese wären nun, am 9. März 2020, nur noch 2.056 x 47,20 EUR = 97.043,20 EUR wert. Auch wenn es immerhin um ein Minus von fast 3.000 EUR ginge, wäre das nur knapp 3 % Buchverlust – noch kein Grund, um vom Glauben abzufallen.

Lassen sich solche Extremsituationen wie sie Paul in unserer ursprünglichen Geschichte erlebt hat, vermeiden?

Eine Idee wäre, nicht gleich alles auf einmal zu investieren, sondern zunächst nur einen Teil. Dadurch hätte man später die Chance, nach einem Kurssturz wie am 9. März günstiger nachzukaufen.

Nehmen wir an, Paul hätte am 2. Januar zunächst nur die Hälfte, also 50.000 EUR investiert. Dann wäre er nach dem Kurssturz nicht mit fast 16.800 EUR im Minus, sondern „nur“ mit 8.400 EUR. Das wäre für ihn wahrscheinlich auch nicht gerade angenehm. Traute er sich in dieser Au-weia-Situation cool zu bleiben und die restlichen 50.000 EUR auch noch in das vermeintlich schwarze Loch zu werfen? Und selbst, wenn er das schaffte, was wäre, wenn es danach noch weiter nach unten ginge? Jetzt, da ich diese Geschichte erzähle, kann ich noch nicht wissen, wie es weitergeht.

Betrachten wir die Idee, nicht alles auf einmal zu investieren,

sondern die Gesamtsumme in mehrere Portionen aufzuteilen, losgelöst von der speziellen Situation im März 2020. Nehmen wir an, vier Portionen werden über ein Jahr verteilt, in jedem Quartal wird ein Viertel der Summe investiert.

Schauen wir uns den Wertverlauf des MSCI World Index an.

Signifikant besser abgeschnitten hätte man mit dieser Aufteilung nur um 2000 bzw. 2008 herum. Wissen konnte das jedoch zu diesen Zeitpunkten niemand. Hätte die in vier Portionen aufgeteilte Investition nur jeweils kurz vorher stattgefunden, wäre es trotzdem zwischendurch zu hohen Kursverlusten gekommen. Vermeiden lässt es sich also nicht. Daher stammt auch die statistisch untermauerte Behauptung, dass es das Beste ist, immer gleich alles auf einmal zu investieren.

Statistik und menschliches Verhalten sind jedoch unterschiedliche Dinge.

Vielleicht schafft es der Paul aus meiner Geschichte, mit hohen zwischenzeitlichen Verlusten klarzukommen, vielleicht sogar mit noch schlimmeren als bisher. Aber die Menschen sind verschieden. Es ist immer einfach, sich hinzustellen und zu sagen, was laut Studien und Statistik die vernünftigste Geldanlage ist, aber eben nur rein rechnerisch.

Wer solche Abwärtsbewegungen mental nicht aushalten kann, darf keine derart hohen Risiken eingehen. Dann ist es vielleicht doch besser, sich erst langsam an das Investieren heranzutasten und bis dahin einen Großteil des Geldes als Tagesgeld praktisch unverzinst zu halten oder in weniger riskante Wertpapiere, z.B. konservative Anleihen-ETFs zu stecken. Auch dazu findet man Tipps im zuvor erwähnten Buch von Gerd Kommer.

Eine kleine Hilfe, um auch in Crashs und Abwärtsphasen die Ruhe zu bewahren,

habe ich auf dem Blog „Dividendenadel“ von Christian W. Röhl gefunden. Und zwar ein Renditedreieck für den MSCI World. Schau es dir genau an oder drucke es aus und hänge es dir so hin, dass du es siehst, wenn du dich in dein Depot einloggst. Es ist beruhigend grün. Insbesondere für alle Zeiträume ab fünfzehn Jahren Anlagedauer.

Bleib also ruhig, es wird wieder gut, auch wenn es sich gerade nicht so anfühlt.

Links

Buch „Souverän investieren mit Indexfonds & ETFs“* von Gerd Kommer

Portale zur ETF-Auswahl: justETF und extraETF

günstiges Online-Depot finden: Depotrechner*

Auf dividendenadel.de: Renditedreieck für den MSCI World

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Dieser Artikel ist keine Anlageberatung.

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Ein Kommentar

  • Very interesting articles, warren buffet choose to get rixh slower and with low risk, norma people dont understand how it works and focus on short term

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