Erfahrungen mit Joel Greenblatt’s Magic Formula: Mein Faulpelz-Formel-Experiment

Da schreibt jemand ein Buch „Die Börsen-Zauberformel. Wie Sie den Markt mit Leichtigkeit schlagen“ oder im Original „The Little Book That Beats The Market“ (übersetzt: „Das kleine Buch, das den Markt schlägt“). Der Autor heißt Joel Greenblatt. Er ist Fondsmanager und Professor an der Columbia University Graduate School of Business.

Die im Buch beschriebene Strategie, so behauptet der Autor, wird langfristig eine Überperformance gegenüber dem Marktdurchschnitt erzielen, aber eben nur langfristig. Über einen Zeitraum von 20 Jahren sollen etwa 30-40% p.a. im Schnitt herauskommen können. Allerdings können auch Jahre mit hohen Verlusten dazwischen sein.

Warum schlägt das Buch den Markt? Weil die darin beschriebene Strategie wirklich eine fantastische Rendite bringt? Oder doch nur weil das Buch ein Bestseller ist, womit die fantastische Rendite auf Verlag und Autor beschränkt bleibt?

Die Strategie an sich ist sehr einfach. Sie betrachtet nur zwei Kennzahlen zu jeder Aktie. Joel Greenblatt hat die Wirksamkeit seiner Magic Formula Strategie „nachgewiesen“, er hat Studien dazu durchgeführt – mittels Backtesting anhand von realen Daten. Ich glaube nicht daran, dass Backtesting-Studien die Wirksamkeit einer Strategie beweisen können. Sie können allenfalls Anhaltspunkte geben, ob etwas funktionieren könnte, aber niemals können sie so etwas beweisen.

Wie auch immer. Ich wollte die Magic Formula ausprobieren. Also habe ich ein Experiment dazu begonnen. Echtes Geld wollte ich jedoch auf gar keinen Fall damit riskieren. Also blieb mir nur die Lösung eines Musterdepots in Form eines wikifolios (Faulpelz-Formel).

Außerdem habe ich es mir nicht nehmen lassen, meine eigene Variante zu entwickeln. Die habe ich „Faulpelz-Formel“ genannt. Seit dem Start im Oktober 2016 sind drei Jahre vergangen, womit ich zwar noch nicht von einem langen Zeitraum reden kann, aber ein kleines Zwischenfazit und ein paar Eindrücke sind schon drin.

Inhalt

Die Original Magic Formula von Joel Greenblatt

Zwei einfache Berechnungen (Kennzahlen) zu einer Liste von Aktien. Darüber wird ein Ranking gebildet. Die besten Werte innerhalb dieses Rankings werden gekauft und für ein Jahr gehalten. Nach einen Jahr werden sie gegen die dann besten Aktien des Rankings ausgetauscht.

Greenblatt betrachtet nur US-amerikanische Aktien. Er schließt Banken und Versorger aus. Er berechnet ein Ranking über die Kapitalrendite. Dazu setzt er das EBIT (Earnings Before Interests ans Taxes) zum Gesamtvermögen des Unternehmens ins Verhältnis. Ein zweites Ranking wird über die Gewinnrendite gebildet. Dazu setzt er das EBIT zur Summe aus Marktkapitalisierung und Fremdkapital ins Verhältnis. Die beiden Rankings werden addiert und ein Gesamtranking darüber ermittelt. Ganz oben stehen dadurch Aktien, deren Unternehmen profitabel und gleichzeitig unterbewertet sein sollen.

Auf https://www.magicformulainvesting.com/ bietet er einen Screener an, der die Top-Positionen dieses Rankings ermittelt. Joel Greenblatt empfiehlt, alle paar (vielleicht drei) Monate ein paar Aktien der aktuellen Top-Liste zu kaufen und dann für ein Jahr zu halten.

Meine anfänglichen Modifikationen

Zunächst einmal mag ich nicht von einem fremden Screener abhängig sein, von dem man nie wissen kann, ob er weiterhin zuverlässig gepflegt wird. Außerdem wollte ich nicht nur US-Aktien in meiner Liste haben. Weiterhin empfand ich es als gute Idee, die Streuung des Risikos nicht nur über viele verschiedene Positionen, sondern auch über Zeitpunkte auszudehnen. Also beschloss ich, mir einen eigenen Screener zu bauen und dann alle zwei Wochen eine Aktie meiner jeweils aktuellen Top-Liste in meinem wikifolio zu kaufen.

Da ein Jahr 52 Wochen hat, würden sich so nach dem ersten Jahr 26 Aktienpositionen darin befinden, von denen alle zwei Wochen eine ausgetauscht werden würde. Im Falle, dass sie noch auf der dann aktuellen Top-Liste steht, würde ich sie einfach für ein weiteres Jahr halten.

Der bisherige Verlauf

Wertentwicklung

Hier der Chart:

faulpelz-formel-wikifolio-chart

Die realisierten Gewinne und Verluste

Im ersten Jahr baute ich das Depot auf und ab den zweiten Jahr begann mein „Austauschkarussell“. Ab dem zweiten Jahr habe ich zusätzlich eine Liste der durch die Verkäufe realisierten Gewinne und Verluste geführt. Hier die Gesamtergebnisse jeweils über ein Jahr mit Link zu einer detaillierten Liste:

Runde Verkäufe ges. EUR Käufe ges. EUR realisiert EUR % Details
2017/18 108.302,49 88.077,07 20.225,42 +23,0% PDF
2018/19 54.751,74 66.890,25 -12.138,51 -18,1% PDF

Meine Eindrücke und weitere Änderungen

Die Liste der Aktien, die mein Screener verarbeitet, habe ich nach und nach erweitert, und zwar auf fast alle Aktien, die sich im wikifolio handeln lassen. Das sind diejenigen Aktien, für die der Direkthandel über Lang & Schwarz möglich ist, denn die stecken hinter wikifolio.

Darunter sind allerdings auch eine Menge Schrottaktien, die Jahr um Jahr weniger EBIT erzielen und deren Kurs, also damit deren Marktkapitalisierung, schon seit Jahren berechtigterweise immer weiter sinkt. Das sind zum Großteil schon Pennystocks. Rein rechnerisch schaffen es aber solche Aktien in die Top-Rankings. Dabei handelt es sich aber nicht um unterbewertete Aktien.

Darum habe ich meinen Screener vor kurzem geändert. Ich verwende nicht mehr das EBIT des letzten abgeschlossenen Geschäftsjahres, sondern die Schätzung für das aktuelle Jahr für meine Renditeberechnungen. Aktien, die keine Schätzungen haben, fliegen dann eben automatisch raus. So etwas sind ohnehin meistens sehr exotische Werte, die nur sehr schmal und damit mit einem Riesen-Spread bei Lang & Schwarz und damit im wikifolio gehandelt werden können. Ich bin sogar noch weiter gegangen. Ich habe überhaupt nur noch diejenigen Aktien in der Liste belassen, für die auf den ausgelesenen Finanzseiten eine Branche angegeben ist. So fliegen noch mehr unbedeutende und damit schwer handelbare Werte heraus. Es sind trotzdem noch über 2.000 aus aller Welt übrig.

Außerdem habe ich die Anzahl der Aktienpositionen im Musterdepot von 26 auf 24 gesenkt. Ich werde auch nicht mehr alle zwei Wochen handeln, sondern nur noch einmal jeweils am Ende des Monats und dabei bis zu zwei Aktien austauschen. Meine ursprüngliche Variante macht mir zu viel Arbeit, was dem Namen „Faulpelz-Formel“ so gar nicht gerecht wird. So kam mir das Delisting einer Aktie gerade recht. Dafür habe ich keine neue ins Depot aufgenommen. Beim letzten planmäßigen Verkauf habe ich ebenfalls keine neue gekauft. So bin ich jetzt, Ende Oktober, mit 24 Aktien in die neue Runde gestartet.

Start der neuen Austauschrunde 2019/20

Verkauft habe ich OEKOWORLD und HERMLE, beide mit Verlust. Es fängt wieder „gut“ an. Aber hey, zum Glück steckt kein echtes Geld darin und das wird es auch nicht. Mein wikifolio werde ich nicht investierbar machen, egal wie viele Vormerkungen dafür kommen. Gekauft habe ich dafür ALLIANCEBERNSTEIN und PERSIMMON.

Erfahrungen eines anderen Investors mit der Magic Formula

In meinem momentanen Faulpelz-Formel-wikifolio sieht es sehr traurig aus. Fast alles ist rot. Da habe ich mich schon gefragt, ob es vielleicht ohne meine Strategie-Modifikationen besser gelaufen wäre.

Ich habe gesucht und habe den kleinen Blog Magic Formula Experience gefunden.

Dort teilt Andrew aus San Diego, Kalifornien, seine Erfahrungen mit der Strategie. Er hat allerdings echtes Geld investiert. Begonnen hat er Anfang 2017, also nur etwas später als ich, mit ungefähr 60.000 USD. Momentan steht sein Depot insgesamt bei rund 54.400 USD.

Er hat sich dazu verpflichtet, seinen Test fünf Jahre lang durchzuziehen. Er verwendet den Screener von Joel Greenblatt und geht genau nach dessen Strategie vor. Neben Updates zu seinem Depot schreibt er auch seine Überlegungen auf und seine Praxiserfahrungen, Dinge auf die man nur stoßen kann, wenn man die Strategie wirklich umsetzt.

Ich habe das alles in chronologischer Reihenfolge durchgelesen, musste oft schmunzeln und an manchen Stellen nickend zustimmen. Da gibt es zum Beispiel einen Artikel Why Doesn’t Mr. Greenblatt Run a Magic Formula Fund? (Warum betreibt Mr. Grennblatt keinen Magic Formula Fonds?) Das frage ich mich auch.

Leider kann man auf Andrew’s Blog nicht kommentieren. Auch Kontaktinformationen habe ich nicht gefunden. Aber vielleicht sieht er ein Pingback von meinem Link auf seinen Blog. Darum ist der Text im folgenden Abschnitt für ihn:

To Andrew from San Diego, California, who blogs at Magic Formula Experience

Hi Andrew,

I read all your blog Magic Formula Experience. Unfortunately I couldn’t find any comment’s section, contact form or any email address to contact you. Maybe you find a pingback from this article to your site and are looking what it is.

I run a similar experiment like yours, but with shares from all over the world, not only from the US. I blog about it from time to time. I modified the strategy a little bit, but it’s core is the same.

I started in October 2016, so I run it in almost the same time period like you do. My results are poor so far. But I did not risk real money in it. I use a social trading platform for it and run it a way, nobody else can waste money in this portfolio.

Wish you all the best.
Petra from Berlin, Germany

Gibt es langfristige Magic Formula Investoren?

Eine weitere Frage, die sich Andrew gestellt hat und die ich mir auch stelle, ist: Die erste Ausgabe des Buches von Joel Greenblatt ist bereits 2005 erschienen. Seitdem ist ja ein Zeitraum vergangen, denn man schon fast als langfristig im Investmentsinn ansehen kann. Gibt es denn niemanden, der die Magic Formula Strategie über diese Jahre durchgezogen hat?

An einigen Stellen im Web wird darüber diskutiert. Manche glauben daran, andere nicht. Diese Diskussionen beruhen aber nur auf Mutmaßungen oder meinetwegen Überzeugungen, nicht auf eigenen Erfahrungen damit, oder vielleicht nur auf sehr kurzen und damit wertlosen.

Wenn ich nach Erfahrungen zur Magic Formula google, finde ich kaum Berichte aus wenigstens mittelfristigem echtem Investment nach der Strategie. Was ich finde, sind Verweise auf andere Studien, die nicht so eine große Überperformance gegenüber dem Index zeigen, oder einfach nur die Vorstellung des Buches.

Greenblatt’s schlaueste Aussage

Joel Greenblatt sagt selbst, dass die Strategie mehrere Jahre sehr schlecht performen kann. Ich will ihm nicht zu nahe treten, aber das ist ziemlich schlau. Wenn dann jemand sagt: „Der Mist funktioniert nicht, ich habe nur verloren“, kann er fragen „Wie lange hast du denn die Strategie angewendet?“ Egal, was der andere dann sagt – ein, zwei, drei oder sogar fünf Jahre – es ist nicht langfristig genug. Aber nach zwei bis drei miesen Jahren verlieren wohl auch hartnäckige Investoren das Zutrauen und steigen aus.

Was würde Greenblatt wohl auf die Frage antworten: „Warum betreibst du keinen Fonds genau nach deiner Strategie unter Benutzung deines eigenen veröffentlichten Screeners?“ Wahrscheinlich: „Das geht nicht, weil die Marktkapitalisierung der meisten Unternehmen zu klein ist“ oder so. Naja…

Das Buch von Joel Greenblatt: Die Börsen-Zauberformel. Wie Sie den Markt mit Leichtigkeit schlagen *

Der Screener zur Original-Strategie: Magic Formula Investing Stock Screener

Mein wikifolio: Faulpelz-Formel

Blog mit Andrew’s Experiment: Magic Formula Experience

Alles zu meinem Experiment (realisierte Gewinne/Verluste, aktuelle Ranking-Liste usw. ): Faulpelz-Formel

* Affiliate-Link zu Amazon

Ein Kommentar

  • Greenblatts Fonds ist der Hedgefonds Gotham Capital seit 1985. Er fordert außerdem ja eine Mindestmarktkapitalisierung und schließt Energiesektor und Finanzbranche aus.

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