Gute Gelegenheit oder Abzocke? – Erkenne den Unterschied

gut oder schlecht
Neulich ist mir beim Aufräumen meines Bücherregals mal wieder eins meiner Lieblingsbücher in die Hand gefallen. „Der reichste Mann von Babylon“ von George S. Clason. In der Geschichte „Begegnung mit der Glücksgöttin“ erzählen verschiedene Protagonisten über gute Gelegenheiten, die sie verstreichen ließen, weil sie deren Potenzial nicht erkannten. Am liebsten mag ich die Geschichte des Vieh-Aufkäufers, dem von einem Bauern eine Schafherde unter Wert angeboten wurde.

Sowohl der Händler als auch der Bauer mit seiner Herde befanden sich außerhalb der bereits geschlossenen Stadttore von Babylon. Der Bauer wollte schnell zu seiner kranken Frau reisen und war deshalb bereit, die Herde für einen Teil ihres Wertes zu verkaufen. Der Händler war der einzige, der als Käufer in Frage kam, also konkurrenzlos glücklich. Allerdings packte er sein Glück nicht beim Schopfe, sondern bestand darauf, bis zum Morgen zu warten, damit er die Herde bei Tageslicht begutachten konnte. Das war dumm, denn am Morgen öffneten sich die Stadttore und andere Händler kamen heraus und boten dem Bauern einen besseren Preis.


George S. Clason: Der reichste Mann von Babylon *

Es wäre eine gute Kaufgelegenheit für den Händler gewesen, zwar nicht völlig risikolos, aber die Wahrscheinlichkeit, dass es gut gehen würde, war so hoch, dass er die Chance besser ergriffen hätte. Das Fazit aus dieser Geschichte ist, dass Zaudern schädlich ist, denn das Glück liebt die Tatkräftigen.

Ist es so? Meistens ja, aber dennoch finde ich, dass man hier differenzieren sollte. Ein paar Minuten, manchmal auch Stunden oder Tage des Überlegens sollten schon drin sein, je nachdem, welches Ausmaß die zu treffende Entscheidung hat.

Eine Zeit des Nachdenkens hätte auch der Händler aus der Geschichte gehabt. Er hätte sich mit seinen Leuten beraten und das Für und Wider des vorgeschlagenen Deals abwägen können, und zwar lange bevor es hell wurde und die Stadttore wieder öffneten.

Was niemals eine gute Gelegenheit ist

Fremde Leute, die an der Tür klingeln und sofort eine Entscheidung oder Aktion erwarten. Das ist etwas, worüber man meiner Meinung nach überhaupt nicht nachzudenken braucht, sondern es ruhig sofort ablehnen kann. Hier zwei persönliche Beispiele:

Der freundliche Handwerker, der Panzerquerriegel oder sonstige Vorrichtungen verkaufen will und einem das zum Supersonderpreis (halber Preis gegenüber sonst) anbietet. Auf „Aha, Sie geben mir dazu jetzt ein schriftliches Angebot, damit ich mir das überlegen kann?“ kommt ein „Nein, ich sag Ihnen das ja jetzt und bau das dann auch sofort ein.“ Warum? Er ist wohl kaum in einer Notlage oder unter Zeitdruck. Also: Und tschüss!

Der angebliche Telekom-Mitarbeiter, der sich im Zuge der Umstellung auf Glasfaser meldet. Auf meine Entgegnung, dass ich gar kein Telekom-Kunde bin, sagt er „Spielt keine Rolle, denn es sind ja unsere Leitungen. Wir sind dafür verantwortlich, dass alles funktioniert. Was für einen Router haben Sie denn?“ Das weiß ich doch nicht aus dem Kopf, da müsste ich nachsehen, wie eben jeder, der an der Tür überraschend so etwas gefragt wird. Was erwartet der also? „Keine Ahnung, kommen Sie rein und sehen Sie selbst“? Nicht mit mir! Also teile ich ihm freundlich mit, dass ihn mein Router nichts angeht und schließe die Tür. So wichtig scheint es ihm dann wohl doch nicht gewesen zu sein, denn ich höre, wie er sich unerschüttert der nächsten Wohnung zuwendet.

So einer war schon mal da, allerdings ist das Monate her, und der hat auch etwas von irgendwelchen Umstellungen erzählt und dass er was überprüfen müsse, worauf ich ihm versicherte, dass alles reibungslos funktionierte und die Tür schloss. Von anderen habe ich gehört, dass dann Geschichten kommen wie „Die schnellen Slots sind begrenzt. Wenn Sie einen wollen ohne Zusatzkosten, dann müssen Sie sich jetzt entscheiden.“ Und schwupps, hat man einen Vertrag über irgendeinen Quatsch, den man nicht wollte.

Was sind gute Gelegenheiten?

Aktien guter Unternehmen, die nach einem allgemeinen Kursrückgang günstig zu haben sind. Ist im Geschäft der Firma nichts schiefgelaufen, so dass es eigentlich keinen Grund für einen Kursrückgang gibt, ist das eine gute Gelegenheit. Ich weiß, es ist schwer, so etwas festzustellen und eine 100%ige Sicherheit gibt es dabei nie, aber es ist durchaus möglich. Ich freue mich z.B. jetzt immer noch, dass ich im Dezember letzten Jahres einige gute Dividendenzahler sehr günstig kaufen bzw. nachkaufen konnte. Und für meine laufenden ETF-Sparpläne freue ich mich auch immer, wenn ich mehr Anteile zum gleichen Preis bekomme.

Auf mein noch junges Experiment LEGO-Investment trifft das mit den guten Gelegenheiten sicher auch zu. Ich will mich da noch nicht allzu weit aus dem Fenster lehnen, denn ich bin ja erst in der Trockenübungsphase, aber ich neige schon dazu, an die Idee dahinter zu glauben. Die besteht im Wesentlichen darin, gute Gelegenheiten zu ergreifen, also gute LEGO-Sets zum Ausverkaufspreis zu erwerben, um nach einiger Zeit einen höheren Gewinn damit zu erzielen.

Fazit

Ja, es ist durchaus richtig, dass immer nur Zaudern eher schädlich ist, aber ohne nachzudenken immer gleich loszuspringen ist noch schädlicher. Besser so:

  • nachdenken und abwägen
  • Risiken und Wahrscheinlichkeiten abschätzen
  • entscheiden

Habt Ihr auch noch schöne Beispiele aus der Praxis dazu? Würde gern darüber in den Kommentaren lesen.

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2 Kommentare

  • Hallo Petra,
    Vielen Dank für deine tollen Artikel.
    Ich Stimme dir zu.
    Meine Devise lautet:
    An der Tür und am Telefon kaufe ich nichts.
    Das prüfe ich zumindest vorher.
    Meist stellte sich als doch nicht so attraktiv heraus wie es vorgestellt wird.

    Zum Thema Entscheidungen generell, versuche ich mich an folgenden Regeln zu orientieren:

    – gut informieren aber dann zu Potte kommen; „Gut genug“ reicht aus!
    ○ Versuch und Irrtum gehören dazu, Fehler in Kauf nehmen und als Lernchance akzeptieren. Scheitern nicht verleugnen und noch mehr Energie und Zeit reinstecken. Belastend wird es wenn wir zu viel über die Richtigkeit der Entscheidung nachdenken
    ○ Nachsichtig sein mit den eigenen Fehlern, Niederlagen und verfehlten Zielen

    Liebe Grüße
    Stefan

    Gefällt 1 Person

  • Interessante Analogie!

    Dieses Buch beinhaltet sicherlich so einige lernreiche Lektionen. Wissen ist immernoch Macht. Nicht immer ist es einfach die richtigen Entscheidungen zu treffen. Selbst bei mir in der Firma nehmen wir immer wieder Unternehmensberatungen zum Thema Einkauf und anderen Dingen in Anspruch. Es ist auch ein Zufall, dass gerade über dieses Buch hier geschrieben wird, da ich erst vor ein paar Tagen überlegt habe, es mir auch mal zu kaufen. Auch in Sachen Finanzen geht oft nichts über die Grundlagen. Meist sind es ja die Grundlagen, welche das meiste ausmachen. Außerdem wäre der reichste Mann in Babylon vom heutigen Stand her wohl einer der reichsten Männer der ganzen Welt.

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