Graham-Depot: Lamborghinis zum VW-Polo-Preis?

Grahm-Depot Value Investing
Mein Graham-Depot ist ein Experiment, über das ich zwar ab und zu hier etwas geschrieben habe, jedoch im Vergleich zu anderen Themen recht selten. Das ist nicht verwunderlich, denn es wird darin nur sehr selten gehandelt.

Ich betreibe das Graham-Depot nicht als Echtgeld-Depot, sondern als wikifolio. Es gibt jedoch Überschneidungen mit meinem Hauptdepot in der realen Welt. Die sind zugegeben inzwischen nicht mehr sehr groß. Dort investiere ich zwar im Großen und Ganzen nach Value Investing Kriterien, fokussiere mich aber mit der Zeit immer mehr auf Dividenden-Cashflow. Meine Kriterien insgesamt sind dort nur leicht angelehnt an Benjamin Graham, womit ich bisher sehr gut fahre und ruhig schlafen kann. In meinem Graham-Experiment gehe ich allerdings strenger vor.

Lamborghinis zum VW-Polo-Preis?

Das Graham-wikifolio ist ein Projekt, in dem ich mir vorgenommen hatte, bei der Aktienauswahl streng nach den zehn Regeln von Benjamin Graham vorzugehen. Etwas überspitzt ausgedrückt wird dabei darauf geachtet, Lamborghinis zum VW-Polo-Preis zu kaufen.

Von besagten zehn Regeln bewirken fünf, dass es sich um wirtschaftlich hervorragend dastehende Unternehmen handeln muss, die ihre Gewinne immer wieder steigern, eine gesunde Bilanz haben usw. Die anderen fünf Regeln legen fest, dass die Aktien dieser Unternehmen sehr günstig sein sollen. Hierzu werden verschiedene Bewertungskennzahlen betrachtet, die sich natürlich mit dem Kurs der Aktie ändern. Die genauen Regeln habe ich unter Handelsidee des wikifolios „Zehn Regeln nach Benjamin Graham“ aufgeschrieben. Alternativ kann man sie in diesem Artikel nachlesen.

Wie verlief meine Suche bisher?

Es ist schon klar, dass solche Aktien in normalen Zeiten schwer zu finden sind. So hat sich das Portfolio bisher nur tröpfchenweise gefüllt. Zwischendrin waren einige recht gute US-Aktien darin, die ich aufgrund einer speziellen wikifolio-Regelung wieder verkauft habe. In wikifolios werden nämlich seit 2017 keine Dividenden auf US-Aktien gutgeschrieben. Da Dividenden jedoch für diese Strategie eine Rolle spielen, machte es keinen Sinn, die Aktien im wikifolio zu behalten. Die Rede ist von Cisco Systems, Qualcomm, V.F. und Tiffany.

Ich hatte diese allerdings auch in Wirklichkeit in meinem Hauptdepot gekauft. Eine davon habe ich in der Zwischenzeit mit einem schönen Gewinn verkauft. Die anderen erfreuen mich noch immer mit Dividenden bzw. Kursanstieg. Anfangs hatte ich überhaupt alle Graham-wikifolio-Aktien auch in der Realität geordert, allerdings wurde mir bald die Steuerproblematik französischer und spanischer Aktien wieder bewusst, weshalb ich mich doch wieder davon getrennt habe.

Zurück zum wikifolio: Da ich hier noch eine ordentliche Cash-Position hatte, bin ich in der letzten Woche auf die Suche nach einer neuen Investment-Möglichkeit gegangen, also einer Aktie, die alle fünf Qualitätskriterien (naja, mit etwas Nachsicht) und darüber hinaus zwei der Bewertungskriterien erfüllt. Bisher habe ich immer sehr viel Aufwand in die Suche gesteckt, dieses Mal konnte ich jedoch einen einfacheren Weg gehen.

Wie bin ich bisher technisch vorgegangen?

Ich habe mir das Anlageuniversum von wikifolio heruntergeladen. Das wird dort Excel-Datei bereitgestellt. Habe zunächst die Aktien herausgefiltert. Das sind mehrere tausend Stück. Dann habe ich daraus eine passende Liste für ein von mir selbst programmiertes Excel-Tool geschaffen, welches mir alle für meine Auswertung benötigten Daten aus dem Internet zieht und dann die Berechnungen benötigter Kennzahlen durchführt.

Als einzige Seite, die zehn Jahre zurückreichende Daten zum Gewinn pro Aktie öffentlich bereitstellt, habe ich ariva.de gefunden. Allerdings findet man diese dort nicht zu allen Aktien meiner Liste, aber immerhin auch zu etwa 3000. Für einige Angaben, die bei ariva.de überhaupt nicht aufgeführt sind, habe ich finanzen.net verwendet.

So habe ich mir also ein Tool mit entsprechenden Makros programmiert, mit denen sich die benötigten Daten einlesen lassen. Das lief dann immer jeweils ein paar Stunden. Danach habe ich nach hohen Punktezahlen gefiltert und mir die Daten im Einzelnen angeschaut. Die Ausbeute war mager, aber ab und zu konnte ich dann doch noch die eine oder andere Möglichkeit finden. In letzter Zeit musste ich aber immer bei wenigstens einem Qualitätskriterium etwas nachsichtig sein. Ab und zu habe ich eine Art Teil-Scan durchgeführt. Da sich die Qualitätskriterien nur nach einem neuen Jahresabschluss ändern, konnte ich also nach einem vollständigen Scan eine Vorauswahl treffen.

Wie habe ich das aktuelle Investment gefunden?

Dank Aktienfinder.net ging es dieses Mal viel schneller.

Aktienfinder

Ich konnte dieses vielseitige Web-Tool (siehe dazu auch mein Artikel: Starter-Depot trifft auf Supertool) für eine sinnvolle Vorauswahl nutzen. Man kann darin nach einer Vielzahl von Kriterien filtern, die es so in anderen Screenern nicht gibt. Insbesondere werden langfristige Gewinnentwicklungen darin berücksichtigt. Das ist etwas, das mir bei meiner Automatisierung immer das meiste Kopfzerbrechen bereitet hatte.

Der Aktienfinder enthält zwar „nur“ etwas mehr als 600 Aktien, aber das sind in der Mehrzahl sehr gute und profitable Unternehmen. Ich bin damit nun folgendermaßen vorgegangen:

Habe nach Gewinnwachstum innerhalb der letzten 10 Jahre und gleichzeitig nach Gewinnstabilität gefiltert. Dadurch sind gerade die beiden Graham-Regeln mit hoher Wahrscheinlichkeit erfüllt, die sonst am schwersten nachzuprüfen sind: eine durchschnittliche Gewinnsteigerung von mindestens 7% über die letzten zehn Jahre, wobei nicht mehr als 2 signifikante Gewinnrückgänge aufgetreten sein dürfen.

Eingestellt habe ich dafür im Filter:

Stabilität des Gewinns >= 0,9

Es handelt sich hier um eine Kennzahl zwischen -1 und 1, je näher an 1, desto gleichmäßiger ist das langfristige Gewinnwachstum.

Zuwachs Gewinn 10 Jahre >= 5%

Ich strebe zwar mindestens 7% an. Man kann hier in 5-er Schritten einstellen. Deshalb habe ich 5% für meine Vorauswahl verwendet.

Weiterhin habe ich noch zwei Filtereinstellungen gefunden, die mit den Graham–Regeln recht gut korrelieren, und zwar:

Dividendenrendite > 2%

Als Dividendenrendite werden wenigstens zwei Drittel der Rendite von 30-jähringen US-Anleihen verlangt, die stehen derzeit bei etwa 3,2%. Deshalb hier mein Filter auf > 2%, auch wenn das noch nicht ganz reicht.

Schuldenquote < 50%

Dieses Kriterium stimmt fast eins zu eins mit einer der Qualitätsregeln überein.

So sah das im Aktienfinder aus:

Aktienfinder Vorauswahl

Also diesmal kein stundenlanges Scannen, sondern zunächst nur ein paar Klicks im Aktienfinder. Heraus kamen 14 Aktien, von denen die Hälfte, also genau 7 aus den USA stammen, womit ich sie wegen der Dividendenregelung im wikifolio nicht in Betracht ziehe. Unter den restlichen 7 befanden sich 3, die bereits im wikifolio waren. So blieben also nur 4 Stück übrig, und zwar

  • Amsterdam Commodities (Niederlande)
  • Cewe Stiftung und Co KGaA (Deutschland)
  • KDDI Corperation (Japan)
  • Partners Group (Schweiz)

Die habe ich mir dann im Einzelnen angeschaut, dazu also wirklich manuell das jeweilige Bewertungsblatt gefüllt. Amsterdam Commodities erfüllte wirklich alle fünf Qualitäts- und zwei der Bewertungskriterien. Dummerweise kann man diese Aktie im wikifolio nicht kaufen. Hätte ich das vorher überprüft, hätte ich mir noch mehr Arbeit erspart, aber egal. Von den anderen erfüllte die Partners Group alle fünf Qualitätskriterien, lag allerdings bei den Bewertungskriterien weit daneben. Ist eben doch ein Lamborghini zum Lamborghini-Preis anstatt zum VW-Polo-Preis. 😉

Die anderen beiden, Cewe und KDDI, haben jeweils nur drei der Qualitätskriterien erfüllt, jedoch habe ich mich entschieden, die beiden Abweichungen bei KDDI zu tolerieren, weil sie eine besonders kontinuierliche Gewinnentwicklung aufweisen mit einem durchschnittlichen Wachstum von über 10% und zusätzlich zwei der Bewertungskriterien erfüllen.

Hier das Bewertungsblatt: KDDI.pdf

Damit ist das Graham-wikifolio zum ersten Mal voll investiert. Ich werde es nun für mindestens ein halbes Jahr in Ruhe lassen.

Lamborghinis mit leerem Tank?

Die Performance ist mit etwa +5% nach zwei Jahren bisher alles andere als begeisternd. Das ist sehr schlecht im Vergleich zu einfacheren Investments, z.B. in einen globalen ETF. Ich verliere trotzdem nicht die Geduld und werde mir weiterhin Mühe geben. Ich denke, diese Strategie ist besonders für die Aktienauswahl während tiefster Depressionen geeignet. Aber ich habe sie nun einmal gestartet und werde das auch weiter verfolgen.

Disclaimer

Übrigens empfehle ich niemandem, in das oder überhaupt in ein wikifolio-Zertifikat zu investieren. Ich selbst habe zwar gerade soviel darin investiert, um den Status Real Money zu erhalten, um damit zu beweisen, dass ich das sorgfältig betreibe. Aber eigentlich muss ich doch niemandem etwas beweisen. Deshalb kann es durchaus möglich sein, dass ich demnächst Geld daraus abziehe.

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