Das Märchen vom kleinen Home Bias

Es war einmal ein kleines Gespenst, das hieß Home Bias. Es spukte überall dort herum, wo es Aktien-Anleger gab. Zwei dieser Anleger waren Kevin und Oskar. Kevin hatte gehört, dass es cool sei, Aktien zu kaufen und „ganz einfach“ zu einem höheren Preis wieder zu verkaufen. Er surfte durch Foren und Facebook-Gruppen und schnappte mal hier mal dort etwas auf, ohne einen richtigen Plan zu haben. Oskar dagegen las sich gründlich in die Materie ein und lernte sogar, Jahresabschlüsse der Unternehmen zu verstehen. Er fand es richtig prima, dass er über Aktienkäufe zum Miteigentümer von Firmen werden konnte und durch Dividenden an deren Gewinnen beteiligt wurde. Natürlich interessierte er sich dafür, was „seine“ Firmen so produzierten und wie profitabel sie arbeiteten.

So passierte es eines Tages, dass der kleine Home Bias auf Kevin und Oskar traf. Zunächst besuchte er Kevin. Er setzte sich auf dessen Schulter und flötete ihm ins Ohr. Kevin scheuchte das arme Gespenster-Wesen weg, so dass er sich wieder auf die „Was-haltet-ihr-von-…-super-die-hab-ich-auch-gerade-gekauft“-Threads konzentrieren konnte. Nebenher kaufte er, ohne groß darüber nachzudenken, ein paar der genannten „Hot Stocks“, natürlich aus einer anderen Ecke der Welt, denn den kleinen Home Bias hatte er ja fortgejagt. Dann konnte er seine neuen Käufe ganz stolz posten und sich riesig über die vielen Likes freuen, die er dafür bekam.

Der kleine Home Bias flog weiter zu Oskar, setzte sich auch diesem auf die Schulter und begann, ihm ins Ohr zu flöten. Oskar hörte ihm eine Weile zu. Es war ein kleines Liedchen darüber, dass man vor allem dort investieren sollte, wo man sich am besten auskennt, und zwar im eigenen Land. Oskar fand das ganz logisch, denn schließlich konnte der jene Geschäftsberichte, die in seiner eigenen Sprache geschrieben waren, am besten verstehen. Er kaufte Aktien von heimatlichen Firmen, deren Produkte überall von sehr vielen Menschen verwendet wurden. Solche Firmen würden wahrscheinlich jede Krise überleben.

Dann kam, was kommen musste. Die Börsenkurse fielen. Es gab überall Probleme in der Wirtschaft, und es war miese Stimmung an den Börsen. Niemand wusste, wie weit das noch hinunter gehen würde. War es nur eine kleine Korrektur oder schon ein schlimmer Crash? Was meint ihr wohl, wie es unseren beiden Helden erging? Sowohl Kevin als auch Oskar hatten etliche rote Zahlen im Depot. Während Kevin wieder in Foren, Gruppen und News-Feeds verzweifelt nach Rat suchte, und dann aufgrund der vielen Unkenrufe, die er dort vernahm, alle seine Aktien panikartig verkaufte, blieb Oskar völlig entspannt. Der kleine Home Bias besuchte ihn wieder, und gemeinsam suchten sie weitere gute und momentan sogar recht günstige Investitionsmöglichkeiten in Qualitätsaktien des eigenen Landes.

Es vergingen Tage, Wochen, Monate, Jahre, inzwischen war auch an den Börsen wieder eitel Sonnenschein. Kevin surfte nun wieder im Internet herum und kaufte neue „Hot Stocks“, diesmal wieder aus anderen Ländern. Oskars Depot dagegen hatte unheimlich zugelegt. Seine Dividendenströme wurden immer stärker. Und obwohl er und der kleine Home Bias längst Freunde geworden waren, erweiterte Oskar nun allmählich seinen Horizont, streckte seine „Fühler“ nun nach und nach weiter aus und fand auch in anderen Ländern gute Unternehmen, an denen er sich dann durch Aktienkauf beteiligte.

Und die Moral von der Geschicht? Verjage kleine Gespenster nicht! Nee, mal im Ernst: Niemand ist perfekt, und es gibt auch nicht die perfekte Anlagestrategie. Kevin ist da ein hoffnungsloser Fall. Wer jedoch wie Oskar überhaupt nach einer vernünftigen Strategie handelt, auch wenn diese eine kleine Schwäche wie den Home Bias hat, der wird auch Erfolg haben. Was hätte Oskar im schlimmsten Fall passieren können? Dass Aktien anderer Länder etwas besser abgeschnitten hätten als seine, na und? Wichtig ist es, dranzubleiben, verbessern kann man immer noch. Und das klappt nur, wenn die Sache zu einem passt. Für den einen sind es ETFs, die in globale Aktien-Indizes investieren, der andere pickt sich Einzelaktien heraus, anfangs eben nur aus dem eigenen Land. Und wer sagt eigentlich, dass das ein Entweder-Oder sein muss?

Apropos Strategie

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Titelbild: Rike / pixelio.de

3 Kommentare

  • Hat wirklich Spaß gemacht zu lesen. Danke!

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  • Nicht zu vergessen, dass der „Heimatanleger“ auch hinsichtlich Quellensteuer deutlich weniger Ärger (oder Verlust) hat. 😉

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  • Netter Artikel. Danke dafür! Ja, so geht es wohl vielen Anlegern – eine Fixierung auf den Heimatmarkt. Wäre da nicht das Problem der mangelnden Risikostreuung, wäre das ja auch gar kein Problem und sogar mehr als richtig.

    Aber wie Bernd schon schrieb, das Handling der Quellensteuer ist ebenso ein gewichtiges Kriterium bei der Entscheidung in einem anderen Land zu investieren. Manches sonst gern von mir getätigte Investment habe ich gerade aus diesem Grund sein gelassen. Ich hoffe aber zum Beispiel, dass die Briten schlau genug sind, ihre bisherige Regelung trotz Brexit beizubehalten. Nicht nur den Firmen auf der Insel, auch dem Finanzplatz London würde nochmals ein deutlicher Schaden entstehen, der eh schon besteht. Wenn es ganz dick kommt, wird der Anlagehorizont halt etwas kleiner. Mal sehen, was passiert.

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