Wandelanleihen — eine praktische Betrachtung

Als Tipp Nr. 22 unter dem Titel „Zwitter ohne Zittern“ empfiehlt Robert Jakob in seinem Buch „100 ganz legale Börsentipps und -tricks“ Wandelanleihen als Anlageinstrument. Ich habe mich inzwischen ein wenig mit dem Thema beschäftigt und möchte heute meine Betrachtungen dazu mit Euch teilen.

Was ist eine Wandelanleihe?

Das ist ein Wertpapier, das in der Regel wie eine „ganz normale“ Anleihe funktioniert. Durch den Kauf einer Anleihe leiht man einem Unternehmen für einen bestimmten Zeitraum Geld und erhält zu festgelegten Terminen, z.B. jährlich, Zinsen dafür. Am Ende dieses Zeitraumes bekommt man sein Geld zurück. Voraussetzung dafür ist, dass das Unternehmen bis dahin nicht in den Konkurs geht. Bei einer Wandelanleihe kommt zusätzlich die Möglichkeit hinzu, die Anleihe in Aktien des entsprechenden Unternehmens umzutauschen. Dabei ist in den Bedingungen der Wandelanleihe festgelegt, ab wann man das darf bzw. wie viele Aktien man bekommen würde. Es ist ein Kurs vereinbart, der bei diesem Umtausch zugrunde gelegt wird.

Noch ausführlicher erklärt sind Wandelanleihen und damit zusammenhängende Möglichkeiten auf dieser Seite: http://www.wandelanleihen.de/wandelanleihen/
Ich möchte jedoch zunächst etwas einfacher an die Sache herangehen und habe mir überlegt, wie ich dieses Anlageinstrument in geeigneter Form für mich einsetzen könnte.

Meine Suche nach Wandelanleihen

Als erstes wollte ich mir eine Liste von Wandelanleihen ansehen, um mir ein Bild davon zu verschaffen, welche Renditen erzielbar sind, welche zusätzlichen Chancen sich bieten, und wie sich der Kurs während der Laufzeit entwickeln kann. Gar nicht so einfach, denn „Wandelanleihe“ habe ich auf keiner meiner bisher verwendeten Finanzseiten als Selektionskriterium gefunden. Es ist auch viel zu mühsam, mir alle Unternehmensanleihen einzeln anzusehen, um festzustellen, ob es sich jeweils um eine Wandelanleihe handelt oder nicht. Es fiel mir jedoch auf, dass Anleihen immer das Wesentliche in ihrem Namen haben. So fand ich es logisch, dass auch „Wandelanleihe“, „Wandelschuldverschreibung“ oder „Wandelobligation“ im Namen stehen würde. Also gab ich bei OnVista einfach „wandel“ ins Suchfeld ein und ließ mir dann alle gefundenen Anleihen auflisten. Ein anderer geeigneter Suchbegriff ist „convertible“ für die englisch-sprachigen Varianten.

Suchergebnis Wandelanleihen

Wie liest man die Zahlen?

Ein erstes Bild kann man sich durch Betrachten der Angaben „Kupon“, „Fälligkeit“ und „akt. Kurs“ verschaffen. Zur Veranschaulichung nehme ich einfach den ersten Listeneintrag. Es geht hier um eine Wandelanleihe der Heidelberger Druckmaschinen AG. Die Zahlen sind:

Kupon: 5,25%
Fälligkeit: 30.03.2022
akt. Kurs: 108,03%

Der Kupon gibt an, wie viel Zinsen die Anleihe jährlich ausschüttet. In diesem Fall sind das 5,25%. Diese Rendite bezieht sich jedoch auf 100%. Der aktuelle Kurs der Anleihe beträgt jedoch 108,03%. Das Ganze läuft bis zum 30.03.2022. Dann würde ich meinen investierten Nominalbetrag zurückerhalten. In diesem Fall wäre das weniger als ich beim Kauf der Anleihe ausgegeben habe, denn ich hätte 108,03% bezahlt, bekäme aber nur 100% zurück.

Würde ich z.B. diese Anleihe zu einem (Nominal-)Betrag von 1.000 EUR kaufen, müsste ich dafür 1.000 EUR * 108,03% = 1.080,30 EUR bezahlen. Hinzu kommen dann noch Stückzinsen und Transaktionsgebühren. Das sind in diesem Fall rund 20 EUR. Mich würde das also etwa 1.100 EUR kosten. Jährlich würde ich dann 5,25% * 1.000 EUR = 52,50 EUR vor Steuern erhalten. Am Ende der Laufzeit, also am 30.03.2022 bekäme ich dann 1.000 EUR zurück. Die Zinsen werden bei dieser Anleihe alle drei Monate gezahlt, also jeweils ein Viertel des jährlichen Betrages. Der nächste Zinstermin ist der 30.06.2016, der letzte ist der 30.03.2022. Es gibt also insgesamt 24 Zahlungen zu jeweils 0,25 * 52,50 EUR. Also bekäme ich insgesamt 315 EUR Zinszahlungen. Ich würde also jetzt 1.100 EUR bezahlen und nach fast 6 Jahren 1.350 EUR dafür erhalten. Das entspricht einem Zuwachs von knapp 23% innerhalb von 6 Jahren. Die Zinszahlungen werden natürlich noch versteuert.

Was genau hat das mit der Wandlung auf sich?

Die Möglichkeit der Umwandlung in Aktien kommt noch hinzu, also in diesem Fall in Aktien der Heidelberger Druckmaschinen AG. Die Angaben dazu findet man nicht auf den Finanzseiten wie OnVista, sondern in den Bedingungen der Wandelanleihe. Diese sollten auf der Webseite des Unternehmens unter „Investor Relations“ leicht zugänglich sein. Derzeit finde ich unter „Anleihen“ zwei Wandelanleihen, eine von 2013 und eine von 2015. Meine ist die von 2015. Durch Vergleich der angegebenen ISIN lässt sich das eindeutig feststellen.

Der für die Umwandlung zugrunde gelegte Kurs (Wandlungspreis) ist 3,1104 EUR. Ich würde also für meine 1.000 EUR investierten Nominalbetrag 1.000 : 3,1104 = 321,5 Aktien erhalten. Ich kann diesen Tausch bis 10 Tage vor Fälligkeit ausführen bzw. bei vorzeitiger Rücknahme bis 4 Tage davor. Der derzeitige Kurs der Aktie ist etwa 2,65 EUR. Die Umwandlung in Aktien würde also momentan keinen Sinn machen.

Würde ein Investment in diese Wandelanleihe Sinn machen?

Der Wandlungspreis liegt um etwa 17,4% über dem aktuellen Aktienkurs. Ist ein derartiger oder ein höherer Anstieg bis zum Ende der Laufzeit im Bereich des Möglichen? Wenn ich mir den Kursverlauf der letzten Jahre (10 bzw. länger) ansehe, stelle ich fest, dass der Aktienkurs ganz schön „auf Talfahrt“ gegangen ist. Schaue ich mir nur die letzten 5 Jahre an, sieht es eher nach vielem Hin- und Her aus. Natürlich kann niemand wissen, wie sich der Kurs entwickelt, aber ein Anstieg ist durchaus denkbar.

Weiterhin macht ein Investment, egal ob nun in die Wandelanleihe oder in die Aktie, nur dann Sinn, wenn ich der Meinung bin, dass das Unternehmen nicht innerhalb der nächsten Jahre pleite geht. Also sehe ich mir die fundamentalen Daten an. Diese sind zwar nicht so überragend, lassen aber auf den ersten Blick auf ein recht solides Unternehmen schließen. Ich behaupte das jetzt ganz kühn nach einem kurzen Blick auf die bei Onvista veröffentlichten Zahlen. Sicher wären hier noch genauere Untersuchungen angebracht, aber das würde den Rahmen dieses Artikels sprengen.

Nehmen wir einmal an, ich bin der Meinung, dass es zum Überleben und damit zum Bedienen der Anleihe für das Unternehmen reicht. Ob es mit der Aktie nach oben oder unten geht, steht 50 : 50. Dann wäre die Wandelanleihe in Anbetracht der momentanen Zinssituation ein recht guter Deal. Ich könnte sie einfach halten bis zum Ende der Laufzeit und hätte in etwa die vorher kalkulierte Rendite. Zusätzlich besteht die Chance, dass die Aktie bestens läuft, denn sechs Jahre sind eine Zeitspanne, in der allerhand passieren kann. In dem Fall würde ich zwar nicht am gesamten Kursanstieg teilhaben, aber ich könnte einen schönen zusätzlichen Gewinn einfahren. Das kann durch Umwandlung der Anleihe in die Aktie erfolgen oder durch Verkauf der Anleihe mit Kursgewinn, denn der Kurs der Anleihe würde in dem Fall ebenfalls steigen.

Was sagen mir Kurse von weit über bzw. unter 100%?

Schon in dem kleinen Ausschnitt meines Suchergebnisses zu Wandelanleihen sieht man Papiere, die weit über 100% notieren und andere, deren Kurs bei unter 100% liegt. Schauen wir uns mal die beiden Extreme des obigen Bildes an.

Die bei über 600% notierende Wandelanleihe der Deutschen Konsum REIT AG:
Schaut man sich Kupon (1%) und Laufzeit (2020) an, so ist klar, dass es keinen Sinn macht, diese Anleihe zu kaufen und bis zum Ende der Laufzeit zu halten. Der Anleihekurs ist deshalb so hoch, weil der Wandlungspreis bei etwa 1 EUR liegt und der Aktienkurs bereits bei über 6 EUR.

Die bei etwa 70% notierende Wandelanleihe der Air Berlin:
Der Wandlungspreis (22,47 EUR) liegt so weit über dem aktuellen Aktienkurs (0,77 EUR), dass ein Anstieg des Aktienkurses darüber bis zum Ende der Laufzeit (2027) zwar nicht unmöglich, aber doch sehr unwahrscheinlich ist. Fundamental sieht das Unternehmen ziemlich schlecht aus, dass der Kauf dieser Anleihe mit der Absicht, sie bis zum Laufzeitende zu halten, aufgrund der Pleitegefahr recht riskant ist.

Mein Fazit

Für mich ist ein Investment in eine Wandelanleihe eher dann sinnvoll, wenn diese etwa so geartet ist, wie im ersten Beispiel beschrieben. Nur dann würden sowohl Vorteile von Anleihe als auch Aktie zum Tragen kommen, so dass man wie Robert Jakob „Zwitter ohne Zittern“ dazu sagen könnte. Das soll jetzt nicht heißen, dass ich genau die Wandelanleihe aus dem Beispiel kaufen würde. Ich würde aber nach etwa solchen Wandelanleihen Ausschau halten, d.h. die Anleihe sollte in etwa 3 bis 6 Jahren fällig sein, der aktuelle Kurs sollte nicht so weit über bzw. unter 100% liegen, damit das Halten bis zum Laufzeitende Sinn macht, Kursverlustrisiko abfedert, und gleichzeitig die Aktienchance besteht.

Das genaue Lesen und 100%ige Verstehen der Anleihebedingungen ist dabei selbstverständlich. Weiterhin muss für das emittierende Unternehmen eine gewisse Solidität vorausgesetzt werden können. Dazu ist es hilfreich, Fundamentaldaten zu betrachten.

Diesen Artikel habe ich als Fortsetzung zu Überlegungen zum Buch „100 ganz legale Börsentipps und -tricks“ geschrieben.

Titelbild: M. Großmann / pixelio.de

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